Katalin Kariko
Katalin Kariko

Beharrlich und bodenständig: Die „Mutter“ der Coronaimpfung

Die mRNA-Impfung gegen Sars-CoV-2, vulgo „Corona“, gilt als Meilenstein der Medizingeschichte. Dahinter steckt eine Frau, die seit über 40 Jahren unermüdlich an den Grundlagen forscht, die diese Impfung ermöglicht haben. Dass sie dafür 2023 den Nobelpreis erhalten hat, ist unter anderem ihrem eisernen Willen zu verdanken: „Niemals aufgeben“ lautet die Devise der ungarischen Biochemikerin.

 

Eva Kaiserseder

Schnöde Begegnungen am Kopiergerät des Vertrauens können durchaus schicksalshaft sein. Katalin Karikó, ihres Zeichens Nobelpreisträgerin für Medizin, ist dafür der lebende Beweis. „Eines Tages sah ich jemanden, der neu hier war und meinen Kopierer benutzte (…) Er kopierte Seite um Seite, dann kam ein neuer Aufsatz. Wer war dieser Störenfried? Wollte er hier vielleicht noch länger rumstehen? Würde ich in Zukunft noch öfter auf meinen Kopierer warten müssen?“, schreibt sie in „Durchbruch“, ihrer Autobiografie. Karikó, von pragmatischem Naturell, tat das Naheliegende: Sie stellte sich ihm vor. Der Name des Störenfrieds und Neuankömmlings? Drew Weissman. Derjenige, mit dem sie 2023 für ihre Forschungsarbeit den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekam. 


Karikó, eine groß gewachsene Frau mit Kurzhaarschnitt, resolutem Auftritt und lebhafter, stakkatoartiger Sprache, forscht seit rund 40 Jahren zur Ribonukleinsäure (RNA). Den Nobelpreis bekommen hat sie – um das Komitee zu zitieren – konkret für „ihre Entdeckungen in Bezug auf Nukleosid-Basenmodifikationen, die die Entwicklung wirksamer mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19 ermöglichten“. Weiter gefasst geht es dabei nicht nur um diese Impfung, sondern auch um potenzielle neue Therapien gegen Krebs oder seltene genetische und andere Erkrankungen. Die in Ungarn geborene Biochemikerin kam übrigens durch völligen Zufall zu ihrem Forschungsfeld. An der Universität Szeged, wo sie studiert und ihren Doktortitel erworben hatte, war Mitte der Siebzigerjahre ein Platz in einer RNA-Forschungsgruppe frei. Karikó bekam diesen Platz angeboten und sagte kurzerhand zu. Parallel dazu stellte sich dann Ende der Siebziger das große Potenzial der RNA heraus, unter anderem wurde die antivirale Wirkung der kleinen RNA-Moleküle entdeckt. „RNA könnte als Heilmittel verwendet werden. Und diese Idee begeisterte mich“, erzählt sie von diesem damaligen Wendepunkt.

Mit scharfem Verstand und viel Humor
Bei Karikós Besuch an der MedUni Wien Mitte Mai, im Zuge dessen ihr die Ehrendoktorwürde der MedUni Wien sowie die Semmelweis-Medaille der MedUni Wien verliehen wurde, ist deutlich spürbar, dass ihre Begeisterung für ihr Forschungsgebiet nie nachgelassen hat, im Gegenteil. Auf die Frage, ob sie jemals Zweifel an ihrer Arbeit hatte, antwortet sie mit Überzeugung: „Nein, denn ich habe ja gesehen, welche Fortschritte es gab. Und es ging immer ums Lernen, sich zu fokussieren und Spaß an der Arbeit zu haben.“ Karikó, die im kommunistischen Ungarn als Tochter eines Fleischhauers und einer Buchhalterin aufgewachsen ist, wirkt im direkten Dialog geerdet und stolz auf das, was sie durch ihre beharrliche und zielgerichtete Arbeit erreicht hat. Und sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Die Zuhörerschaft erlebt eine Frau, die mit viel Witz, Selbstironie und scharfem Verstand ihre Umwelt analysiert.

Eine Art Erweckungserlebnis
In ihrer Autobiografie beschreibt sie, welche Lektüre diese Haltung entscheidend mitgeprägt hat. „Kein Buch wird sich für mich persönlich je wieder als so bedeutsam erweisen wie dieses.“ Die Rede ist von Hans Selyes „Stress beherrscht unser Leben“, erschienen 1957, und für die Teeangerin ist das Standardwerk des Wiener Arztes, der als „Vater“ der Stressforschung gilt, eine Art Erweckungserlebnis. „Heute ist es offensichtlich, dass Stress uns geistig und körperlich beeinflussen kann. (..) Doch vor Selye kannte die Biologie nicht nicht einmal den Begriff“, schreibt sie weiter. „Negativer Stress kann schädlich sein – tatsächlich kann er Sie umbringen. Positiver Stress aber ist nötig für ein erfülltes Leben. Mit der richtigen Haltung können wir negativen Stress in positiven umwandeln. Wie? Indem wir uns auf jene Dinge konzentrieren, die wir unter Kontrolle haben, statt nur auf die, die sich dieser entziehen.“ 
Dabei hat es im Leben von Katalin Karikó genügend schwierige und unkontrollierbare Momente, ja, Zäsuren gegeben. Die Auswanderung in die USA 1985 etwa, wo sie an der Temple University in Philadelphia eine Stelle angeboten bekam. Zur Legende wurde dabei der Teddybär ihrer damals dreijährigen Tochter Susan. Das heiß geliebte Plüschtier der Tochter hatte nicht nur unersetzlichen emotionalen Wert, nein: Im Inneren befand sich das gesamte Bargeld der Familie, denn wer aus dem damaligen „Ostblock“ ausreiste und mehr als 50 Dollar dabeihatte, galt als des Überlaufens verdächtig. „Das war alles, was wir hatten – geschützt nur von Plüschstoff und einer Schicht Stopfwolle“, erinnert sich die Forscherin an diese Reise, die sie ursprünglich als einjährigen Arbeitsaufenthalt angedacht hatte – und die für ihr weiteres Leben so prägend war.

Heimweh und High End Performerin
Das Heimweh nach Ungarn war dabei mindestens groß wie die sprachliche Kluft. Turnschuhe, die Tochter Susan im Kindergarten brauchte, etwa. „Ich starrte den Mann an und verstand kein Wort. Sneakers? Was sollte das sein? Ich verstand dieses Wort nicht.“ Und das Geld war knapp. „Jede Banane, die ich in den ersten Jahren verzehrte, war braun und matschig“, erinnert sich Karikó an diese harte erste Zeit in den USA. Aber Geld war nicht der Grund für ihr Expat-Dasein, denn „immer wieder erinnerte ich mich selbst daran, dass ich nicht viel brauchte. Ich hatte noch nie große Ansprüche gehabt. Ich machte mir bewusst, dass ich dankbar war, hier sein zu dürfen. Dankbar, dass ich meine Experimente machen konnte.“ 
Seither arbeitete und forschte Karikó immer weiter in unterschiedlichen Labors, lange Zeit, von 1989 bis 2012, an der University of Pennsylvania. Beharrlich. Unermüdlich. Mit nie nachlassender Neugier. Dabei gab es auf Katalin Karikós Weg einiges an Rückschlägen, sei es bei der Medikamentenentwicklung oder der schlussendlichen Kündigung an der „Penn“ mit der lapidaren Begründung, man benötige ihr Labor für andere Zwecke, man müsse sich an gewisse Richtlinien halten und die habe Karikó einfach nicht erfüllt. Aber: Es wäre nicht Katalin Karikó, wäre sie nicht wieder aufgestanden und hätte weitergemacht. Und: The rest is history, wie es so schön heißt. 
Vorerst ging es aber nach Europa, wo Karikó 2012 neue berufliche Chancen auslotet. Sie entdeckt, dass der „Club der mRNA-Gläubigen“, wie sie es nennt, mittlerweile viel größer ist als vermutet, „und deren Enthusiasmus kam fast dem meinen gleich!“ Ein kleines Unternehmen, angesiedelt in Mainz, beeindruckte sie dabei von allen potenziellen Arbeitgebern am meisten. BioNTech heißt es und Karikó ist von der Attitude der beiden Gründer angetan. „Genau wie ich schien Uğur (Uğur Şahin, BioNTech Geschäftsführer und einer der Gründer, Anm. d. Red.) nicht zwischen Arbeit und dem Rest des Lebens zu unterscheiden“, beschreibt sie ihre ersten Eindrücke. Kurzerhand nahm sie das Angebot als Vizepräsidentin an und zieht – vorerst ohne ihren Mann – ins malerische Mainz.

Mama hatte Recht
Und dann kam die Coronapandemie. Karikó arbeitete mittlerweile das sechste Jahr bei BioNTech. Ein Virus, aus China stammend, das schwere bis letale Erkrankungen verursachte und die Welt in einen globalen Lockdown zwang. Das Unternehmen traf eine mutige Entscheidung und sprang ins kalte Wasser: Alles, wirklich alles an Ressourcen des Unternehmens wurde für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Virus ins Rennen geworfen. Mit Erfolg: BNT162b2 oder Comirnaty war der weltweit erste zugelassene mRNA-basierte Impfstoff gegen COVID-19. Die oftmals als Randnotiz diskreditierte mRNA- Technologie galt nun als Gamechanger und beispielhafte Innovation. Für Karikó, die seit Jahrzehnten daran forschte und nun die Früchte ihrer Arbeit erntete, medial dauerpräsent war und als Heldin gefeiert wurde, fühlte sich das alles sehr surreal an. „All die Aufmerksamkeit. Ich brauchte das nicht. Und nun war das alles einfach da: Soviel Aufmerksamkeit und Dankbarkeit, dass es sich beinah unwirklich anfühlte“, erzählt sie in ihrem Buch. 
Und dann kam der Nobelpreis. Der Olympiasieg in der Wissenschaft. Auf den Anruf hatte sie zunächst ungläubig reagiert, erzählt Karikó, mit einem Lachen und gleichzeitig dem Gedanken an ihre Mutter, die schon vor zehn Jahren prophezeit hatte, wo die Tochter einst stehen würde. Gewidmet hat Karikó ihr Buch in Konsequenz auch den Eltern, die ihr beigebracht haben, „dass harte Arbeit zum Leben dazugehört.“

 

 

„Mit der richtigen Haltung können wir negativen Stress in positiven umwandeln. Wie? Indem wir uns auf jene Dinge konzentrieren, die wir unter Kontrolle haben, statt nur auf die, die sich dieser entziehen.“
Frau Katalin Kariko bei einem Vortrag
Katalin Karikó: „Die Idee, RNA als Heilmittel zu verwenden, begeisterte mich.“
Foto: Martin Hörmandinger
„Ich hatte noch nie große Ansprüche gehabt. Ich machte mir bewusst, dass ich dankbar war, hier sein zu dürfen. Dankbar, dass ich meine Experimente machen konnte.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/medizin/beharrlich-und-bodenstaendig-die-mutter-der-coronaimpfung