Illegale „Beauty-Behandlungen“
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Illegale „Beauty-Behandlungen“

Billig schön, teuer bereut

Botox, Filler & Co. sind nicht mehr nur Thema ab der Lebensmitte: Immer mehr junge Menschen entscheiden sich zu ästhetischen Behandlungen. Doch der Boom bringt auch Schattenseiten: dubiose Anbieter, Hygienemängel und riskante Auslands-OPs bergen erhebliche Gesundheitsrisiken. Ärztinnen und Ärzte mahnen zu Vorsicht und seriöser Beratung. 

Stefan Eckerieder

Von Stefan Eckerieder

Ästhetische Behandlungen liegen im Trend. In den 2000er-Jahren waren es noch vorwiegend Menschen ab der Lebensmitte, die für Botox- oder Filler-Behandlungen die Ordinationen von Fachärztinnen und Fachärzten aufsuchten. Heute zieht es Menschen aller Alters- und Gesellschaftsschichten dorthin. „Generell beobachten wir einen klaren Trend zu mehr ästhetischen Eingriffen, sowohl minimalinvasiv als auch chirurgisch. Gesellschaftlich ist die Akzeptanz gestiegen, Korrekturen sind heute weniger tabuisiert“, erläutert Nina Hüttinger, Obfrau der Fachgruppe Plastische Chirurgie in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Besonders minimalinvasive Behandlungen interessieren inzwischen auch viele in ihren Zwanzigern, ergänzt sie. 

Schattenseiten des Booms

Dass dieser Boom auch Schattenseiten hat, zeigen die zahlreichen Razzien der Polizei gemeinsam mit der Gruppe Sofortmaßnahmen der Stadt Wien. Allein in den vergangenen Monaten wurden fünf illegale sogenannte „Schönheits-Kliniken“ geschlossen. Was dort vorgefunden wurde, war teils erschreckend: Von Krankenhausstandards keine Spur. Stattdessen handelte es sich um improvisierte Behandlungsräume in Hinterzimmern oder sogar Lagerräumen. Das Personal verfügte über keine medizinische Ausbildung. 

„Angeboten werden dort überwiegend Botox- und Filler-Behandlungen“, berichtet Walter Hillerer, Leiter der Gruppe Sofortmaßnahmen. Die Ärzteschaft blickt mit Sorge auf diese Entwicklung. „Die steigende Zahl illegaler Einrichtungen, in denen ästhetische Behandlungen durchgeführt werden, ist alarmierend. Häufig fehlt dort nicht nur medizinisch geschultes Personal, sondern auch die Einhaltung grundlegender Hygienestandards sowie die sichere Verwendung geprüfter Präparate“, sagt Hüttinger. Wer sich Injektionen von Laien verabreichen lasse, gehe ein unkalkulierbares Risiko ein. Infektionen, Gefäßverschlüsse, dauerhafte Gewebeschäden oder Entstellungen könnten die Folge sein. Zudem seien Komplikationen dort nicht sofort fachgerecht behandelbar.

Martin P. (44) „Ich möchte frischer aussehen“

Seit drei Jahren lässt sich Martin P., PR-Berater aus Wien, regelmäßig Hyaluron-Filler und Botox spritzen. Das Ziel des 44-Jährigen: ein frischer, offener Gesichtsausdruck. „Vor allem die Zornesfalte hat mich gestört – ich wirkte oft mürrisch, obwohl ich gar nicht so bin“, erklärt er. Durch die gezielte Behandlung wirkt sein Gesicht weicher und freundlicher. Für rund 1.500 Euro im Jahr lässt er sich Stirn und Glabella behandeln – eine Investition, die er bewusst triff t. Wichtig sei ihm vor allem die ehrliche Beratung seiner Ärztin: „Sie sagt mir auch klar, wenn eine Behandlung unnötig ist – das schafft Vertrauen.“ Neben dem ästhetischen Effekt hofft Martin, die Hautalterung zu verlangsamen. „In meinem Job ist ein gepflegtes Auftreten wichtig. Ich will nicht jünger wirken, sondern einfach frisch und wach.“


„Ästhetische Eingriff e, egal ob operativ oder minimalinvasiv, sind medizinische Tätigkeiten. Sie dürfen nur von ärztlich qualifiziertem Personal unter klar definierten, gesetzlichen Bedingungen durchgeführt werden“, betont die Chirurgin. Ein weiterer Trend sorgt für Kritik: Die wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten, die für Eingriffe ins Ausland reisen. Vor allem in Asien wächst der Markt rasant. Allein in die Türkei reisten 2023 laut dem türkischen Statistikamt rund 1,8 Millionen Menschen für Schönheitsoperationen – dreimal so viele wie 2021. Auch Indien, Thailand oder Südkorea ziehen jährlich Hunderttausende an. „Aus Kostengründen Eingriffe im Ausland durchführen zu lassen, ist kritisch zu sehen und kurzsichtig“, warnt Hüttinger. Oft locken vermeintlich günstige Angebote und bearbeitete Vorher-Nachher-Bilder auf Social-Media-Kanälen. „Das vermeintlich billige Angebot entpuppt sich jedoch nicht selten als teure gesundheitliche Belastung“, so die Ärztin. Im Komplikationsfall müssten Betroffene häufig feststellen, dass eine adäquate Nachsorge nicht gewährleistet ist. „In dem Institut, in dem die Behandlung durchgeführt wurde, fühlt sich meistens niemand mehr zuständig. Die Betroffenen suchen dann Hilfe in Ordinationen und Kliniken in Österreich. Nachbehandlungen können zeitaufwendig, schwierig, kostenintensiv und schmerzhaft sein“, berichtet Hüttinger aus ihrer Praxis. 

Rasantes Wachstum

Generell habe das Internet den Wissensstand der Patientinnen und Patienten zu medizinischen Themen verändert, mit positiven und negativen Effekten. Das gelte auch für die ästhetische Medizin, erläutert die Ärztin: „Patientinnen und Patienten sind heute insbesondere durch das Internet deutlich besser informiert. Gleichzeitig kursiert dort aber auch viel Halbwissen oder Fehlinformation, was die Aufklärung durch Fachärztinnen und -ärzte umso wichtiger macht.“ Das Beratungsgespräch sei daher ein zentraler Teil der Arbeit. „Wenn Erwartungen bestehen, die medizinisch nicht umsetzbar oder ungesund sind, ist es unsere ärztliche Verantwortung, ehrlich Grenzen aufzuzeigen. In manchen Fällen ist es sinnvoll, von einem Eingriff abzuraten oder psychologische Unterstützung zu empfehlen“, sagt Hüttinger. 

Birgit R. (46) „Ich hatte andauernd Schmerzen“ 

Birgit R. entschied sich vor zwei Jahren für eine Brustverkleinerung. Die Entscheidung fiel, nachdem sie Jahrelang unter Rückenschmerzen und Nackenverspannungen litt und auch immer wieder wegen ihrer Beschwerden in ärztlicher Behandlung war. Auch Physiotherapie brachte keine dauerhafte Verbesserung, wie sie Ärzt*in für Wien erzählt: „Das Gewicht meiner Brüste hat sich stark auf meine Haltung ausgewirkt. Ich hatte täglich Schmerzen. An Sport war so gut wie gar nicht zu denken.“ Die Entscheidung zur OP fiel nach reiflicher Überlegung und mehrmaliger Konsultation eines plastischen Chirurgen. Die ersten beiden Wochen nach dem Eingriff beschreibt sie als fordernd. „Die Schmerzen waren heftig, vor allem Nachts. Ich konnte fast nur sitzend schlafen.“ Heute ist sie schmerzfrei, bewegt sich leichter und fühlt sich selbstbewusster. „Nicht nur körperlich, auch emotional hat sich viel verändert.“


In diesem Zusammenhang verweist sie auf die aktuelle Aufklärungskampagne der Stadt Wien unter dem Titel „Botox, Filler & Co.“. Die Zahl ästhetischer Eingriffe in Österreich wird auf mehr als 100.000 pro Jahr geschätzt. Weniger als ein Drittel entfällt auf plastisch-chirurgische Operationen, der Großteil auf minimalinvasive Behandlungen, ein Segment, das weltweit stark wächst. Laut einer Studie des Marktforschers Fortune Business Insights soll das Marktvolumen für nicht-chirurgische Eingriffe 2025 über 12 Milliarden Euro betragen. 

Die International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) verzeichnete in diesem Segment zwischen 2019 und 2023 einen Anstieg von 54 Prozent. „Auch in Österreich sind minimalinvasive Behandlungen wie Botox, Filler und Skinbooster besonders stark nachgefragt“, sagt Hüttinger. Frauen lassen sich nach wie vor häufiger behandeln, doch Männer holen auf. Bei chirurgischen Eingriffen dominieren bei Frauen Brustoperationen, Fettabsaugungen, Bauchdeckenstraffungen und Lidkorrekturen. Bei Männern sind es vor allem körperformende Eingriffe, Operationen bei Gynäkomastie, Haartransplantationen und Augenlidstraffungen.

Martina B. (76) „Ich mache das für mich“

Seit über 20 Jahren lässt sich Martina B. regelmäßig ästhetisch behandeln, zunächst mit Botox und Fillern, mit 60 folgte ein Fadenlifting, zuvor eine Lidstraffung: „Meine Schlupflider haben mein Sichtfeld eingeschränkt – da war der Eingriff für mich auch medizinisch sinnvoll.“ Heute sucht die 76-jährige ihre Ärztin viermal jährlich auf und investiert jedes Jahr rund 5.000 Euro, hauptsächlich in minimalinvasive Behandlungen. „Ich mache das nicht für andere, sondern um mich selbst schön zu finden“, sagt sie. „Das mag nicht jeder nachvollziehen können, aber ich fühle mich besser, wenn ich in den Spiegel schaue.“ Besonders wichtig ist ihr die ehrliche Beratung: „Meine Ärztin rät mir auch regelmäßig von Behandlungen ab, wenn sie diese nicht für sinnvoll hält.“ Martina sieht es als Selbstfürsorge: „Für mich ist das Altern in Würde. Jeder soll so leben, wie er möchte.“


Vielfältige Motive

Die Motive sind vielfältig. „Die Steigerung des Selbstwertgefühls steht häufig im Vordergrund“, sagt Hüttinger. Daneben gehe es auch um die Optimierung des Erscheinungsbildes, meist unter dem Schlagwort „Natürlichkeit perfektionieren und Anti-Aging Maßnahmen beziehungsweise Verjüngungseffekte altersentsprechend anwenden“. Bei chirurgischen Eingriffen wie Brustverkleinerungen, Bauchdecken- oder Lidstraffungen spielen zudem die Linderung körperlicher Beschwerden eine Rolle. Hüttinger appelliert an alle, die über ästhetische Eingriffe nachdenken, die Ärztin oder den Arzt sorgfältig auszuwählen. Ein Blick in offizielle Verzeichnisse helfe: Dazu zählen der Praxisplan der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, die Ärzteliste der Österreichischen Ärztekammer sowie die Ärzteliste der Fachgesellschaft für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie.

 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/billig-schoen-teuer-bereut