Bart de Witte
| Aktualisiert:
Bart de Witte

„Mehr Zeit für die Behandlung“

KI übernimmt Dokumentation, beschleunigt Diagnosen und hilft bei Operationen. Welche Entwicklungen auf uns warten und die Vorteile dezentraler Systeme, erklärt KI-Experte Bart de Witte, Mitgründer von Isaree. 

Stefan Eckerieder

Ärzt*in für Wien: Welche Bereiche der Medizin profitieren schon heute von Künstlicher Intelligenz? 
de Witte: Vor allem die Dokumentation. Bislang mussten Ärztinnen und Ärzte mit komplizierten Systemen arbeiten, die extrem zeitaufwendig waren. Oft blieb dadurch weniger als die Hälfte der Arbeitszeit für den direkten Kontakt mit Patientinnen und Patienten. Neue KI-gestützte Systeme hören während des Gesprächs mit, filtern die relevanten Informationen und verknüpfen sie automatisch mit der Patientenakte. So bleibt wieder mehr Zeit für die Behandlung, Patientinnen und Patienten fühlen sich besser wahrgenommen. Auch in anderen Bereichen kommt KI zum Einsatz: In der Bildgebung erkennt sie krankhafte Muster in Röntgen-, MRT- oder CT-Bildern schneller und präziser als das menschliche Auge. In der personalisierten Medizin hilft sie, maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln. Und bei Operationen unterstützen KI-Systeme Chirurginnen und Chirurgen mit Echtzeit-Daten und erhöhen so die Sicherheit.

Ärzt*in für Wien: Müssen Ärztinnen und Ärzte künftig ständig lernen, immer mehr neue Computerprogramme bedienen zu können? 
de Witte: Im Gegenteil. Früher musste man für die Nutzung von Dokumentationsprogrammen Schulungen absolvieren. Moderne KI-Anwendungen kann man direkt fragen: ‚Was muss ich tun, um dich zu bedienen?‘ und sie geben eine Anleitung. Schon jetzt gibt es in der digitalen Pathologie Systeme, bei denen Ärztinnen und Ärzte mit der KI sprechen. Die relevanten Informationen werden automatisch herausgefiltert und bei Bedarf präsentiert.

Ärzt*in für Wien: Kann KI angesichts des demografischen Wandels zur Entlastung beitragen – Stichwort Ärztemangel und Pflegekräftemangel? 
de Witte: Hier liegt enormes Potenzial. Unsere Analysen zeigen, dass klinisches Fachpersonal einen Großteil seiner Zeit mit Dokumentation verbringt. Zum Vergleich: 1970 standen einer Patientenbehandlung vier Administrationskräfte gegenüber, heute sind es 17. Alle wollen Informationen und genau hier kann KI ansetzen. KI-Agenten – Systeme, die selbstständig Aufgaben übernehmen – sind in der Lage, Daten automatisch abzurufen, standardisiert aufzubereiten und die Entscheidungsfindung zu vereinfachen. Wenn bald ein Drittel der Administratorinnen und Administratoren in Pension geht, sollten wir die entstehende Lücke nicht mit Menschen füllen, sondern digitale Lösungen einsetzen und so nicht nur die Versorgung sichern, sondern auch Europas Unternehmen und Start-ups wettbewerbsfähig machen. 

Ärzt*in für Wien: In welchen Bereichen wird KI künftig noch eine Rolle in der Medizin spielen? 
de Witte: Unter anderem in der Forschung kann KI Prozesse enorm beschleunigen. Es gibt bereits Agenten, die autonom forschen und dabei völlig neue Hypothesen oder Methoden entwickeln, die dem Menschen so vielleicht gar nicht eingefallen wären. Auch in der Pharmaforschung liegen große Chancen, etwa indem klinische Studien simuliert werden. Voraussetzung ist, dass die Industrie ihre Daten zur Verfügung stellt. Auch auf Seite der Patientinnen und Patienten wird sich viel ändern. Erste Symptom-Checker begleiten bereits durch den Alltag, in Deutschland gibt es digitale Therapeutika per Wearable, die von Krankenkassen erstattet werden. Zudem wird sich die Arzt-Patienten-Kommunikation wandeln: KI kann Arzt- und Patientenbriefe verfassen und bei Gesprächen mit Patientinnen und Patienten aus anderen Sprachräumen übersetzen – Sprachbarrieren werden künftig keine große Rolle mehr spielen. 

Ärzt*in für Wien: Für das Training benötigt KI große Datenmengen. Sind unsere Daten dabei überhaupt sicher? 
de Witte: Das ist wie bei der Organspende: Wenn ich bereit bin zu geben, profitiere ich auch davon. Anonymisierte Daten für das Training von KI einzusetzen, ist sinnvoll, denn der Fortschritt, den wir erzielen, kommt allen zugute. Datenschutz bleibt wichtig, aber offene Daten schaffen Transparenz, beschleunigen Forschung und verhindern, dass wenige Konzerne durch Datenmonopole Macht anhäufen. Ich bin ein Befürworter der Dezentralisierung. Künftig werden viele KI-Anwendungen direkt auf Endgeräten laufen, spezialisiert auf einzelne Aufgaben. Das reduziert nicht nur Energieverbrauch und Abhängigkeit von Rechenzentren, sondern sorgt auch dafür, dass sensible Daten sicher lokal gespeichert bleiben. Dezentralisierung bedeutet also zugleich mehr Sicherheit und eine echte Demokratisierung der Technologie.

„Das ist wie bei der Organspende: Wenn ich bereit bin zu geben, profitiere ich im Ernstfall auch davon.“
KI-Experte Bart de Witte sitzt auf einem Fauteuil.
Bart de Witte: „Ich bin ein Befürworter der Dezentralisierung.“
Foto: Stefan Seelig
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/mehr-zeit-fuer-die-behandlung