„Ausschlaggebend ist der Ressourcenbedarf“
Einsatzleiter Dominik Kalmar erklärt, wie die Wiener Berufsrettung im Krisenfall arbeitet, welche Strukturen greifen und warum Vorbereitung alles ist.
Ärzt*in für Wien: Was bedeutet es, wenn von einem Massenanfall von Verletzten (MANV) gesprochen wird?
Kalmar: Aus rettungsdienstlicher Sicht sprechen wir von einem MANV, wenn ein Missverhältnis zwischen vorhandenen Versorgungskapazitäten und dem tatsächlichen Patientenaufkommen besteht. Ursachen können sehr unterschiedlich sein – von Bränden über Umweltkatastrophen bis hin zu Verkehrsunfällen mit Beteiligung des öffentlichen Verkehrs. Ausschlaggebend ist nicht primär die Art des Ereignisses, sondern die Anzahl der Patientinnen und Patienten und der damit verbundene Ressourcenbedarf. Ein Brand in einem mehrstöckigen Wohnhaus mit zahlreichen Rauchgasintoxikationen beziehungsweise einer Evakuierung kann innerhalb weniger Minuten die Kapazitäten des Regelrettungsdienstes überschreiten und eine strukturierte Abarbeitung der Großschadenslage erforderlich machen.
Ärzt*in für Wien: Wie sind die Abläufe bei der Berufsrettung, wenn eine Großschadenslage eintritt?
Kalmar: Die Berufsrettung arbeitet mit fünf definierten Alarmstufen. Diese bieten ein flexibles und bedarfsorientiertes Modell zur Bewältigung von Großschadenslagen. Der Begriff „MANV“ beschreibt in Wien den geschätzten Ressourcenbedarf. So bedeutet etwa ein MANV-10, dass definierte Ressourcen für die Versorgung von zehn Patientinnen und Patienten der Sichtungskategorie 1 und 2 (sofortiger oder dringender Behandlungsbedarf) erforderlich sind. Die Einsatzcodes werden durch die Leitstelle auf Basis der Notrufabfrage generiert. Besteht Verdacht auf ein größeres Ereignis, wird durch die Leitstelle die Alarmstufe 1 ausgelöst. Werden weitere Versorgungskapazitäten benötigt, so obliegt dem „Einsatzleiter Rettung“ die Ausrufung einer höheren Alarmstufe.
Ärzt*in für Wien: Welche Mechanismen werden dann in Gang gesetzt?
Kalmar: Durch die Ausrufung einer der fünf Alarmstufen kommt es zu verschiedenen Folgeprozessen. Die Maßnahmen umfassen je nach Alarmstufe die interne und externe Kommunikation bis hin zu systemischen Eingriffen in den Rettungsdienst. So werden Führungskräfte der Berufsrettung Wien und privaten Rettungsdienste, der Wiener Gesundheitsverbund oder die Magistratsdirektion Organisation und Sicherheit verständigt. Weiters können Einheiten aus dem Krankentransport, Busse der Wiener Linien für leicht oder unverletzte Personen oder die „AkutBetreuungWien“ zur psychologischen Unterstützung alarmiert werden.
Ärzt*in für Wien: Wie wird sichergestellt, dass genügend Einsatzkräfte beziehungsweise Einsatzfahrzeuge vor Ort sind?
Kalmar: Im Zuge des Großeinsatzmanagements werden verschiedene Prozesse aktiviert, welche Alarmierungskaskaden und Vorhaltungen vorsehen. Zusätzlich kann der Einsatzleiter Rettungsdienst abseits der Alarmstufen weitere Einheiten nachberufen. Grundsätzlich wird in Wien die sogenannte Sondereinsatzgruppe vorgehalten Sie besteht aus Führungs-, Logistik- und Behandlungseinheiten. Die Sondereinsatzgruppe kann zur gleichzeitigen Behandlung von 40 liegenden und 70 sitzenden Menschen herangezogen werden. Je nach Alarmstufe werden weitere Ressourcen beschafft. So können im Bedarfsfall Kapazitäten durch die privaten Rettungsdienste des Rettungsverbundes aus dem Krankentransportsektor organisiert werden. Neben Einsatzfahrzeugen halten diese auch Mobile Behandlungsplätze zur Patientenversorgung vor. Eine weitere Option ist die Alarmierung von dienstfreiem Personal oder die Anforderung von Einheiten aus anderen Bundesländern.
Ärzt*in für Wien: Wann kam es in Wien zuletzt zu einem größeren Alarm?
Kalmar: Erst Mitte August wurde die Berufsrettung Wien zu einer kollabierten Person in einem Badezimmer alarmiert. Vor Ort stellte sich als Ursache eine defekte Therme heraus, die eine hohe CO-Konzentration verursachte. Insgesamt betreute die Berufsrettung Wien 23 Patientinnen und Patienten, von denen eine Person zur Behandlung in eine Klinik geflogen werden musste. Dieser Einsatz verdeutlicht, dass der Rettungsdienst täglich mit Einsatzszenarien konfrontiert wird, die nicht nur eine erhebliche Gefahr für das eigene Personal darstellen, sondern sich auch unvorhersehbar ausweiten können.
