Christoph Zielinski
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Christoph Zielinski

„Krebskranke brauchen eine Stimme“

Sein Name ist nicht nur medizinisch Interessierten ein Begriff: Christoph Zielinski gilt als Koryphäe der internationalen Krebsforschung, unermüdlicher Macher und Ideengenerator. Die Medizin ist aber mitnichten Zielinskis einzige Passion: Im Frühjahr erschien sein erster Roman „Laurenzerberg“, Geschichten aus dem Wien der Sechzigerjahre.

Eva Kaiserseder

„Eine graue, heruntergekommene Stadt mit schmutzigen Fassaden und einem mehr als überschaubaren gastronomischen Angebot“, beschreibt Christoph Zielinski das Lokalkolorit der Hauptstadt in den Sechzigerjahren. Als Fünfjähriger war er 1957 mit seinen Eltern aus Polen nach Österreich gekommen, hier wuchs er auf und hier studierte er auch. Das heutige Image Wiens als eine der lebenswertesten Städte der Welt lag dabei noch in weiter Ferne. „Erst seit dem EU-Beitritt 1995 sind wir wirklich in der Mitte Europas gelandet und das hat der Stadt enormen Aufschwung gegeben“, zeigt sich Zielinski überzeugt. 

Sein Vater Adam hatte sich nach der Emigration zuerst als Unternehmer einen Namen gemacht, um später als Schriftstel­ler zu reüssieren, die Mutter Sophie war Slawistin an der Universität. Und der Sohn? Der war in seiner Entscheidung, welchen Beruf er ergreifen sollte, anfangs höchst zwiegespalten: Zwar war das Medizinstudium auf Schiene, daneben gab es aber im­mer auch die Schreiberei. „Als Feuilletonautor für die Tageszeitung Presse habe ich mir damals meine kleinen Extras finanziert, man verdiente dabei gar nicht schlecht. Irgendwann stand dann im Raum, ob ich die Medizin aufgeben und mich ganz dem Journalismus zuwenden soll, aber schlussendlich bin ich der Medizin aus vielerlei Gründen, einschließlich der großen Innovationen durch die Entdeckung der DNA mit allen ihren Folgen für die Biologie treu geblieben. Jetzt, wo ich älter bin, widme ich mich dem Schreiben aber wieder mit sehr viel Freude“, erzählt Zielinski, der zwar schon Sachbücher verfasst hatte, aber bis zum heurigen Jahr eben noch nichts Belletristi­sches. Was seinen Schreibstil kennzeichnet? „Die Angst vor der Banalität des Uninteressanten. Ich versuche immer, Dinge auf den Punkt zu bringen und schreibe sehr verknappt“, skizziert er seinen literarischen Zugang. Der zweite Roman hat übrigens nicht lange auf sich warten lassen: Er wird im kommenden Frühjahr erscheinen. 

Volkskrankheit Krebs

Zur Krebsforschung, seinem Lebensthe­ma, kam Zielinski auf maximal unspektaku­läre Weise. Nach einem dreijährigen Auf­enthalt am Cancer Research Center in Boston kehrte er Mitte der Achtzigerjahre zurück nach Wien, „wo die Onkologie noch in den Kinderschuhen steckte. Ich glaube, insgesamt sechs zugelassenen Chemotherapeutika gab es damals. Mein damaliger Chef meinte recht pragmatisch, in der Onkologie würde sich künftig so viel bewegen, dass wir dafür zu wenig Personal hätten, ob ich nicht Interesse hätte. Das hatte ich. Und so bin ich bei diesem Thema gelandet – und geblieben.“ Die damalige Prognose von Zielinskis Chef war mehr als hellsichtig, denn kaum ein Gebiet ist seither so rasant gewachsen, nachgerade explodiert, wie die Krebsforschung. Aktuell ist dabei die Immunonkologie die größte Hoffnungsträgerin. 

Hier entwickelt sich seit mehr als einem Jahrzehnt beständig viel weiter, auch der heurige Nobelpreis ist damit assoziiert: Die prämierte Forschung zum Thema Immuntoleranz und Immunsystem gilt unter anderem als Grundstein für weitere Krebstherapien. „Alleine im letzten Jahr sind neun Immuntherapeutika zugelassen worden, entweder bei neuen oder alten Indikationen, die ausgeweitet wurden. Wir sind mit der Immunonkologie zum ersten Mal in der Lage, mittels einer Manipulation des Immunsystems oder der Tumor-Immunsystem- Interaktion das Krebsgeschehen einzufangen und das ist großartig und extrem vielversprechend“, merkt man Zielinski seine Begeisterung deutlich an. 

Nicht nur im Fachlichen ist extrem viel vorangetrieben worden, auch der gesellschaftliche Umgang mit der Volkskrankheit Krebs – über 400.000 Menschen leben in Österreich mit der Diagnose – hat sich von eher tabubehafteter Scham hin zu selbstbewusster Akzeptanz weit weg von Verstecken entwickelt. Zielinski gründete schon in den frühen Neunzigerjahren die Initiative „Leben mit Krebs“, auch, weil ihm als hochpolitischem Menschen die Sichtbarkeit und Bedürfnisse der Betroffenen ein massives Anliegen sind: „Es gibt rund 45.000 Neuerkrankungen jährlich und viele, die gut und lange mit einer Krebsdiagnose leben. Diese Menschen können und sollen genauso Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben wie alle anderen. Es gilt, ihnen eine Stimme, eine Position, eine Präsenz zu geben, auf die schlussendlich auch die Politik hören muss.“ 

Konsequenterweise hat Zielinski als einer der „Väter“ des Comprehensive Cancer Center (CCC) an der MedUni Wien und dem AKH die vielen Gesichter der Krankheit auch fachlich umgesetzt: „Wir haben das CCC als interdisziplinäre Plattform gegründet, denn Krebs ist so ein komplexes Geschehen, dass eine einzige Fachrichtung längst nicht mehr in der Lage ist, alles Wesentliche abzudecken und sämtliche Entwicklungen zu überblicken.“ Gefragt nach seinem Lieblingskind in diesem Potpourri an Aufgaben und Passionen lacht er schallend: „Ich habe so viele Lieblingsprojekte und bin so breit aufgestellt in meinem Leben, ich könnte gar nicht sagen, welches mir das Liebste ist. Das ist doch richtig schön, finde ich.“

„Erst seit dem EU-Beitritt 1995 sind wir wirklich in der Mitte Europas gelandet und das hat der Stadt enormen Aufschwung gegeben.“
Ein Porträt des Krebsforschers Christoph Zielinski vor einem komplett weißem Hintergrund
Der 73-jährige Christoph Zielinski ist internistischer Onkologe und gilt als einer der bekanntesten und renommiertesten Ärzte des Landes.
Foto: Stöckl
„Krebs ist so ein komplexes Geschehen, dass eine einzige Fachrichtung längst nicht mehr in der Lage ist, alles Wesentliche abzudecken und sämtliche Entwicklungen zu überblicken.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/medizin/krebskranke-brauchen-eine-stimme