Ein Nuklearmediziner im Einsatz für Menschenrechte
Siroos Mirzaei, Primar des Instituts für Nuklearmedizin der Kliniken Ottakring und Hietzing, engagiert sich seit 30 Jahren beim gemeinnützigen Verein Hemayat in der medizinischen und psychologischen Betreuung und Behandlung von Überlebenden von Folter und Krieg.
Ärzt*in für Wien: Wie kam es dazu, dass Sie als junger Arzt im Jahr 1995 an der Gründung von Hemayat beteiligt waren?
Mirzaei: Dazu gibt es eine Vorgeschichte: Nach meinem Medizinstudium an der Universität Wien wurde ich Mitglied und später Sprecher der Medizinergruppe von Amnesty International. Zu dieser Zeit gab es in Österreich noch keine Einrichtungen für nichtversicherte Personen, die einen Asylantrag gestellt hatten. Als junger Arzt in Ausbildung betreute ich Patientinnen und Patienten zunächst in einer kleinen, improvisierten Ordination in meiner Wohnung. Ab 1994 arbeitete ich dann eng mit engagierten Kolleginnen und Kollegen aus der Psychiatrie und Psychotherapie zusammen, mit dem gemeinsamen Ziel, traumatisierten Menschen Therapiemöglichkeiten anzubieten – damals unter anderem zahlreichen Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien. Flüchtlingshilfsorganisationen schickten immer mehr Patientinnen und Patienten zu uns, und bald war die Arbeit ohne personelle und finanzielle Unterstützung nicht mehr zu bewältigen. 1995 gründeten wir schließlich offiziell den Verein Hemayat, mit finanzieller Unterstützung durch einen UN-Hilfsfonds, die EU und zahlreiche private Spenden.
Ärzt*in für Wien: Welche Ziele verfolgt Hemayat?
Mirzaei: Unsere Arbeit beruhte von Anfang an auf zwei Schwerpunkten: Zum einen wollen wir Menschen helfen, die durch Folter und Misshandlungen Leid erfahren haben, durch Psychotherapie wieder Vertrauen in die Welt zu gewinnen, ins Leben zurückzufinden und wieder in die Zukunft zu schauen. Und zum anderen ist es unser erklärtes Ziel, prophylaktisch zu wirken – vor allem durch die methodisch einwandfreie Dokumentation physischer Misshandlungen, die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten und den Austausch mit Partnerorganisationen, etwa in der Türkei. Diese Dokumentation ist medizinisch und auch psychologisch sehr wichtig für geflüchtete Menschen, die zu uns kommen. Wenn keine sichtbaren Verletzungen zu erkennen sind, helfen oft radiologische und nuklearmedizinische Verfahren dabei, Traumata an Knochen – etwa durch Schläge im Gefängnis – auch Jahre später eindeutig nachzuweisen. Asylsuchenden wiederum ermöglicht dies, ihre Angaben gegenüber österreichischen Behörden auf fundierte, national und international anerkannte Art und Weise glaubhaft zu machen, zusammen mit dem Ergebnis der psychologischen Begutachtung.
Ärzt*in für Wien: Sie überprüfen, belegen und dokumentieren also die Angaben geflüchteter Menschen – mithilfe nuklearmedizinischer Methoden?
Mirzaei: Genau, wo es Sinn macht, nehmen wir auch apparative Untersuchungen vor. Dabei baue ich auf den vorangegangenen Gesprächen meiner Klientinnen und Klienten mit Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bei Hemayat auf. Als medizinischer Gutachter versuche ich, mir ein umfassendes Bild zu machen und lasse die Menschen erzählen, welche Situationen sie erlebt haben, bevor sie nach Österreich kamen. Das Wichtigste ist, Vertrauen aufzubauen – denn bei manchen Geflüchteten kann schon ein weißer Arztkittel Angst auslösen. Häufig ist auch die Unterstützung durch eine Dolmetscherin oder einen Dolmetscher ein wesentlicher Faktor.
Ärzt*in für Wien: Wie gehen Sie mit den Berichten über Gewalterfahrungen um, die Ihnen Ihre Klientinnen und Klienten anvertrauen?
Mirzaei: Medizinerinnen und Mediziner lernen, mit verschiedenen Formen und Graden von Leid umzugehen. Bei Hemayat kommt jedoch hinzu, dass das Leid unseren Klientinnen und Klienten durch andere Menschen systematisch zugefügt wurde – das sind oft sehr, sehr heftige Geschichten. Ich selbst komme aus dem Iran und weiß daher nur zu gut, wie viele Menschen betroffen sind. Folter wird definiert als systematisch angewandte Gewalt. Deshalb ist es mir so wichtig, international Bewusstsein zu schaffen und Veränderungen anzustoßen, indem wir das Thema Folter immer wieder ansprechen. Wir stellen inzwischen fest, dass schwere körperliche Folterungen tendenziell zurückgehen, weil die dafür verantwortlichen Regime wissen, dass solche Misshandlungen dokumentiert und in Asylverfahren oder in internationalen Organisationen vorgelegt werden. Der Schwerpunkt liegt heute verstärkt auf psychischer Folter – zum Beispiel durch langanhaltende Isolationshaft in hell erleuchteten, winzigen Hafträumen oder durch sensorische Deprivation, also völlige Abschottung von der Außenwelt.
Ärzt*in für Wien: In Ländern wie dem Iran sind drakonische Strafen wie das Abhacken von Fingern oder Auspeitschen gesetzlich verankert. Wie ordnen Sie das für unsere Leserinnen und Leser ein?
Mirzaei: Im heutigen Iran werden kleinen Dieben oft vier Finger einer Hand abgehackt, während Angehörige der korrupten Elite selbst bei Unterschlagungen in Millionenhöhe meistens straffrei bleiben. Andere Delikte werden mit Auspeitschungen bestraft – auf der Straße oder im Gefängnis. Für mich als Arzt und Menschenrechtsaktivist sind körperliche Verstümmelungen wie das Abhacken von Fingern zweifellos Folter und eine grausame, unmenschliche Bestrafungsmethode. Deshalb ist es so wichtig, das Thema international immer wieder zur Sprache zu bringen, um öffentlich Druck auf die Verantwortlichen auszuüben.

Ein Teil des Hemayat-Teams vor den neuen Räumlichkeiten in der Columbusgasse. Foto: Katharina Gossow
Ärzt*in für Wien: Zurück nach Österreich. Wie hat sich durch die Arbeit von Hemayat die Behandlung traumatisierter Menschen verändert? Erhält der Verein genügend Unterstützung, auch von öffentlichen Stellen?
Mirzaei: Ohne staatliche und private Unterstützung wäre das Therapieangebot von Hemayat heute nicht denkbar. Ebenso wenig ohne unsere hervorragenden Expertinnen und Experten – insbesondere aus Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie –, die die Behandlung und Betreuung durchführen. Leider nimmt die Zahl traumatisierter Menschen, die nach Österreich kommen, weiter zu, während die Wartezeit auf eine Therapie immer länger wird – derzeit sind es bei Hemayat rund acht Monate. Eine erste Therapie dauert im Schnitt etwa zwei Jahre, und viele Klientinnen und Klienten benötigen eine längerfristige Betreuung. Im vergangenen Jahr hat Hemayat insgesamt mehr als 1.800 Klientinnen und Klienten betreut, darunter etwa 280 Kinder und Jugendliche. Und in den vergangenen 30 Jahren waren es rund 22.000 schwer traumatisierte Menschen, die bei Hemayat Halt, Stabilität und neue Perspektiven gefunden haben. Viele von ihnen erzählen, dass die therapeutische Begleitung ihr Leben – und das ihrer Kinder – nachhaltig verändert hat.
Ärzt*in für Wien: Hemayat ist im Juni 2025 in ein größeres Betreuungszentrum in Favoriten umgezogen. Warum war das wichtig?
Mirzaei: Dank des Umzugs in ein größeres Betreuungszentrum in der Columbusgasse 28 kann nun das große und vielfältige Therapieangebot für unsere Klientinnen und Klienten langfristig sichergestellt werden. Die neuen Räume sind wie ein Geschenk zum 30-jährigen Bestehen von Hemayat: 14 helle, akustisch isolierte Therapieräume, inklusive spezieller Räume für Kinder-, Kunst- und Gruppentherapien.
Ärzt*in für Wien: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Entwicklungen wünschen Sie sich?
Mirzaei: Ich hoffe, Hemayat kann in Zukunft noch enger mit der Stadt Wien und mit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zusammenarbeiten, um Wartezeiten zu verkürzen, mehr Therapien anzubieten und ausreichend Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie medizinische Fachkräfte zu beschäftigen. Außerdem führen unsere Therapeutinnen und Therapeuten bereits Schulungen vor Ort durch, etwa in der Ukraine. Diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist sehr wichtig und sollte weiter ausgebaut werden. Aus der Arbeit mit Geflüchteten verschiedenster Herkunft bestätigt sich für mich das, was viele Expertinnen und Experten sagen: Je schneller Asylverfahren abgeschlossen werden, je schneller Menschen Deutsch lernen, eine Berufsausbildung machen und Arbeit finden, und je schneller traumatisierte Menschen die notwendige psychologische Behandlung erhalten, desto besser gelingt ihre gesellschaftliche Integration. Das ist zugleich auch die wirksamste Prävention gegen Radikalisierung – besonders bei jungen Menschen.
Daten und Fakten
Hemayat – Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende
Das Wort „Hemayat“ stammt aus dem Persischen und Arabischen und bedeutet „Betreuung“ und „Schutz“. Der gemeinnützige Verein Hemayat wurde 1995 als Spezialeinrichtung für dolmetschgestützte, traumatherapeutische Betreuung und Behandlung von Folter- und Kriegsüberlebenden gegründet. Im Jahr 2024 wurden insgesamt 23.787 Betreuungsstunden geleistet und 1.801 Menschen aus 57 Ländern betreut, darunter 276 Minderjährige.
Website: www.hemayat.org
