Diskussion um Gesundheitsversorgung
| Aktualisiert:
Diskussion um Gesundheitsversorgung

„Weniger Einnahmen können nicht mehr Leistungen bezahlen“

Die Entkopplung der Gesundheitsausgaben vom Bruttoinlandsprodukt, die Attraktivierung des Kassensystems und die Etablierung von Leitspitälern forderte Ehrenpräsident Thomas Szekeres bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Gesundheitsversorgung.

Stefan Eckerieder

„Unser Gesundheitssystem ist so leistungsfähig, dass man, wenn man im Ausland erkrankt, möglichst schnell zurück nach Österreich will, um hier behandelt zu werden“, verwies Thomas Szekeres, Ehrenpräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, auf die im internationalen Vergleich gute medizinische Versorgung in Österreich. Um die Gesundheitsversorgung jedoch auch künftig abzusichern, sah Szekeres bei der Podiumsdiskussion „Das kranke Land – zur Zukunft unseres Gesundheitssystems“ im Mai 2025 an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien mehrfachen Handlungsbedarf. Er gab zu bedenken, dass die Zahl an Kassenärztinnen und -ärzten stetig sinkt: „Die Bevölkerung wächst, zugleich sinkt die Zahl der Vertragsärztinnen und ‑ärzte. Viele Nachwuchsmedizinerinnen und ‑mediziner sind vom Kassensystem abgeschreckt, weil die Honorare so bemessen sind, dass man im Akkord arbeiten muss“, forderte er eine Attraktivierung der Kassenstellen. Die kurze Zeit, die von der ÖGK für das Patientengespräch verrechnet wird, kritisierte auch Nika Mayerhofer‑Gallenbacher, Allgemeinmedizinerin im 7. Bezirk.

Schwierige Finanzierung
Eine zentrale Hürde für eine Ausweitung der Leistungen im Kassensystem sieht Szekeres im von der Bundespolitik festgelegten Ausgabenbegrenzungspfad, der die Gesundheitsausgaben an das Bruttoinlandsprodukt (BIP) koppelt: „Das funktioniert halbwegs, wenn das BIP steigt. Sinkt das BIP – wie es derzeit der Fall ist –, dann reicht das für eine angemessene Finanzierung des Gesundheitssystems nicht mehr aus. Mit weniger Einnahmen kann ich nicht mehr Leistungen bezahlen“, fordert Szekeres eine Entkoppelung der Gesundheitsausgaben vom BIP. Um Mittel effizienter einzusetzen, spricht sich der Ehrenpräsident der Kammer dafür aus, Spitalsstrukturen im ländlichen Raum – wo es teils in benachbarten Orten jeweils ein Krankenhaus gibt – zusammenzulegen: „Medizinisch macht ein kleines Spital oft weniger Sinn als ein größeres. Wir benötigen hochspezialisierte Leitspitäler in allen Bundesländern statt ineffizienter Kleinspitäler.“ Da Spitäler oft auch eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung für die jeweilige Region haben, schlägt Szekeres vor, kleinere Krankenhäuser nicht vollständig zu schließen, sondern etwa in Einrichtungen zur Erstversorgung oder in Pflegeeinrichtungen umzuwandeln.

Zielsteuerung braucht Ärztinnen und Ärzte
Michael Kierein, ehemaliger Leiter der Abteilung Rechtsangelegenheiten Ärzt*innen, Psychologie, Psychotherapie und Musiktherapie im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, verwies auf die komplizierte Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern im Gesundheitsbereich. Die Politik habe aber bereits Schritte gesetzt, um die Effizienz zu erhöhen, erklärte Katharina Reich, Leiterin der Sektion Öffentliche Gesundheit und Gesundheitssystem im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. So sei im Jahr 2013 die sogenannte „Zielsteuerung-Gesundheit“ gegründet worden, um die verschiedenen Zuständigkeiten unter ein gemeinsames Dach zu bringen: „In der aktuellen Zielsteuerungsperiode, die immer fünf Jahre dauert, haben wir erstmals begonnen, die Gesundheit aus einem gemeinsamen Topf zu finanzieren, in den alle einzahlen“, so Reich. Beispielsweise stünden für den Bereich Digitalisierung und Telemedizin jährlich 51 Millionen Euro zur Verfügung. Sie verwies zudem auf den Ausbau des Gesundheitsportals ELGA sowie die Ausweitung des Gratis-Impfprogramms.

Kritisch merkte Szekeres an, dass in der Zielsteuerungskommission der Bundesgesundheitsagentur keine praktizierenden Ärztinnen und Ärzte vertreten sind: „Wir brauchen dringend jemanden, der aus dem medizinischen Alltag berichten kann, um sinnvolle Lösungen für die Versorgung zu erarbeiten.“ (ecke)

„Viele Nachwuchsmedizinerinnen und ‑mediziner sind vom Kassensystem abgeschreckt“
Auf dem Podium befinden sich die Moderatorin und Ehrenpräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, Thomas Szekeres, der gerade spricht und ein Mikrofon in der rechten Hand hält. Beide sitzen, zwischen ihnen steht ein kleines Tischchen, auf dem sich zwei Mineralwasserflaschen befinden sowie zwei Gläser. Im Hintergrund ist ein Plakat der Veranstaltung zu erkennen.
Thomas Szekeres spricht sich für Leitspitäler in ländlichen Regionen Österreichs aus.
Foto: Anja Lehner
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/gesundheitspolitik/weniger-einnahmen-koennen-nicht-mehr-leistungen-bezahlen