Einsatz hinter der Bühne
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Einsatz hinter der Bühne

Donauinselfest backstage: Notfallmedizin im Takt

Rund eine Million Besucherinnen und Besucher pro Tag und über 600 medizinische Interventio­nen: Notärztinnen und Notärzte sorgen beim Donauinselfest für medizinische Sicherheit. Trotz Millionenpublikum verlaufen gesundheitliche Zwischenfälle meist glimpflich – dank eingespielter Abläufe, klarer Zuständigkeiten und erfahrenen Teams. 

Stefan Eckerieder

Der erste Tag des Donauinselfests 2025 startet mit angenehmen 26 Grad Celsius. Zumindest heute dürfte die sommerliche Wärme für die Besucherinnen und Besucher keine größeren gesundheitlichen Probleme mit sich bringen. Um 18 Uhr ist es in den sieben Ambulanzzentren des Samariterbundes Wien noch ruhig. „Bis auf Pflaster für kleine Schürfwunden, ein paar Insektenstiche und die Ausgabe von Paracetamol gegen Kopfschmerzen ist bisher wenig los“, berichtet Helmut Breyer, leitender Notarzt des Samariterbundes Wien am Donauinselfest. Ärzt*in für Wien durfte den Notarzt für einen Abend am größten Open-Air-Festival Europas bei freiem Eintritt begleiten. Erst pünktlich zu den ersten Headlinern des Tages Milky Chance ab 20 Uhr füllt sich das Gelände, und die Einsätze nehmen zu. 

„Zu den typischen medizinischen Interventionen am Donauinselfest gehören Alkoholvergiftungen, Drogenmissbrauch und Sonnenstiche – bei großer Hitze verbringen die Menschen oft stundenlang im Freien und trinken nicht genügend Wasser“, erklärt Breyer. Auch allergische Reaktionen auf Insektenstiche kommen häufig vor. „Bei rund 1 Million Besucherinnern und Besuchern pro Tag gibt es natürlich auch immer wieder die verschiedensten Interventionen. Das geht von Kreislaufbeschwerden bis hin zu Herzinfarkten“, sagt der Notarzt. 

Man sieht eine Einsatzkraft von hinten in der Arbeitskleidung in einem roten Overall steht auf einem Rettungsboot das am Wasser fährt.

Boote patroullieren auf dem Wasser, um im Ernstfall medizinische Hilfe zu leisten. Foto: Stefan Eckerieder

Akribische Vorbereitung 
Die Vorbereitung auf das Donauinselfest erfolge generalstabsmäßig, erklärt Breyer. „Wir erstellen Dienstpläne, teilen Mediziner, Sanitäter und Freiwillige ein. Heuer war es kein Problem, genügend Ärzte und Helfer zu finden, die an diesem Wochenende arbeiten wollen.“ Schließlich ist das Donauinselfest jedes Jahr auch der größte Einsatz für den Samariterbund Wien. Eine Woche vor dem Donauinselfest wird mit allen ärztlichen Leitern der Ambulanzen nochmals der Ablauf besprochen. Täglich sind sieben Notärztinnen und -ärzte in sieben Ambulanzzelten im 12-Stunden-Rhythmus im Einsatz. Sie werden unterstützt von rund 250 Sanitäterinnen und Sanitätern, Freiwilligen und Zivildienern. Zusätzlich zu den rund 20 Einsatzfahrzeugen patrouillieren die Medizinerinnen und Mediziner auf zwei Rettungsbooten auf Alter und Neuer Donau. Beide Boote sind ständig in Bereitschaft, falls Feiernde nach Überhitzung oder unter Alkohol- beziehungsweise Drogeneinfluss nicht mehr allein aus dem Wasser kommen. „Wir sind alle ausgebildete Notfallmediziner und auf alle bei Veranstaltungen wie diesen auf zu erwartende Vorfälle bestens vorbereitet. Ärztinnen und Ärzte sowie die Sanitäterinnen und Sanitäter absolvieren jedes Jahr regelmäßig eine große Anzahl von Fortbildungen, um in Übung zu bleiben und am neuesten Stand zu sein“, erklärt der leitende Notarzt. 

20 Uhr, Ambulanz 5, ein junger Mann bringt seinen in etwa gleichaltrigen Freund, der blass ist, kaum die Augen offenhalten kann und nicht mehr stehen mag, zum Behandlungszelt. „Wir haben verschiedene Pillen eingenommen“, sagt sein Begleiter. Die Sanitäterinnen und Sanitäter übernehmen und legen den Mann auf eines der Behandlungsbetten. Der Patient wischt sich mit schwerer Zunge heraus: „Ich kann meine Augen nicht mehr offenhalten.“ Der Notarzt misst Blutdruck und Puls und ordnet den Transport ins Krankenhaus Floridsdorf an. „Keine Sorge, wir bringen dich jetzt ins Krankenhaus, dort passen sie auf dich auf“, beruhigt ein Sanitäter den Mann. Trotz Blaulicht schreitet die Fahrt nur langsam voran: Die schmalen Wege sind dicht von Menschen belagert, die nicht sofort Platz machen. „Manche fühlen sich von Blaulichtfahrzeugen provoziert und reagieren aggressiv, wenn wir das Folgehorn einschalten – von Bier über den Wagen schütten bis zum Abreißen von Seitenspiegeln. Die allermeisten weichen jedoch aus“, so ein Einsatzfahrer. 

Weniger Vorfälle als im Vorjahr
Währenddessen betritt eine hochschwan­gere Frau das Zelt, nachdem sie sich mit einer Sandale in einen Stein getreten hat. Glücklicherweise reicht hier ein Pflaster, nachdem die Sanitäter die Wunde gereinigt haben. Auf der Hauptbühne neben Ambulanz 3 jubeln die Massen um 22 Uhr dem Drum’n’Bass-Duo Camo & Krooked zu. „Jetzt beginnt die heiße Phase für uns“, sagt Breyer. Beim Auftritt von RAF Camora im Vorjahr mussten wegen extremer Überfüllung zusätzliche Feldbetten aufgebaut werden – Hunderte Festbesucher klagten über Kreislaufbeschwerden. „Das hatten wir bereits erwartet und entsprechende Vorkehrungen getroffen“, so Breyer. Heuer genügen die regulären knapp 100 Feldbetten, die auf die sieben Ambulanzen aufgeteilt sind: Drei sind aktuell in der Ambulanz 3 belegt. Ein 16-jähriges Mädchen mit Kreislaufproblemen erhält Wasser, ruht sich für eine halbe Stunde auf einem der Behandlungsbetten aus. Nachdem sie sich wieder etwas besser fühlt, wird sie von ihren Freunden abgeholt und nach Hause gebracht. 

Man sieht vier Männer auf dem Foto, die in einem Raum stehen. Dieser ist wie eine provisorische Notfallstelle eingerichtet.
Notarzt Helmut Breyer (l.) zieht mit Kolleginnen und Kollegen eine erste Bilanz der Einsätze. Foto: Stefan Eckerieder

Parallel bereiten sich Einsatzfahrzeuge darauf vor, einen weiteren Patienten ins Krankenhaus zu bringen: „Die Notaufnahmen arbeiten am Festivaltag mit erhöhter Personalstärke. Auch nach Mitternacht wird in ganz Wien weitergefeiert“, erklärt Breyer. Meist bleibt unklar, wie die Klinikaufenthalte im Einzelnen verlaufen – „die meisten Betroffenen werden nur überwacht und können nach wenigen Stunden oder am nächsten Morgen heimkehren“, sagt Breyer. In den letzten Jahren habe sich die Lage verbessert: „Komasaufen ist zum Glück weniger verbreitet. Wir behandeln heute deutlich weniger Alkoholvergiftungen und andere Intoxikationen als noch in den 2000er-Jahren.“ Dennoch bleiben solche Fälle Teil des Alltags am Donauinselfest. Ein weiterer junger Mann erhält im Zelt eine Infusion mit Kochsalzlösung und wird anschließend zur Beobachtung ins Spital überstellt. In der Nacht rücken auch die Rettungsboote noch aus, um einen vermissten Schwimmer zu suchen. Er konnte nach einem Großeinsatz der Einsatzkräfte glücklicherweise wohlauf auf der anderen Uferseite angetroffen werden. 

„Pro Tag verzeichnen wir am Donauin­selfest im Schnitt etwa 200 Interventionen“, so Breyer. Über das gesamte Festival wurde der Samariterbund Wien heuer in 643 Einsätzen aktiv, 92 Personen wurden hospitalisiert. Das liegt im langjährigen Schnitt, im Vergleich zum letzten Jahr liegt das sogar leicht darunter. Trotz rund drei Millionen Gästen an drei Tagen blieb es heuer weitgehend bei glimpflichen Vorfällen. 

„Zu den typischen medizinischen Interventionen am Donauinselfest gehören Alkoholvergiftungen, Drogenmissbrauch und Sonnenstiche.“
Aufnahme aus dem Auto heraus - man sieht aus der Windschutzscheibe hinaus auf eine Menge an Menschen, die vor und rund um das Einsatzfahrzeug stehen, wodurch das Fahrzeug nur im Schritttempo fahren kann.
Trotz Blaulicht geht es für den Rettungswagen während des Donauninselfests nur im Schritttempo voran.
Foto: Stefan Eckerieder
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/donauinselfest-backstage-notfallmedizin-im-takt