Kammer-Interessen
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Kammer-Interessen

„Starke Standesvertretung ist gerade jetzt wichtig“

Präsident Johannes Steinhart über die Bedeutung der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien für die Mitglieder und warum er die aktuelle Diskussion rund um die Kammern als Chance begreift.

David Hell

Ärzt*in für Wien: Die Wiener Kammer wurde vor mehr als 130 Jahren gegründet, um ein gemeinsames Sprachrohr für die Ärzteschaft zu bieten. Mit welchen Gefühlen sehen Sie auf die lange Historie dieser Einrichtung zurück, der Sie als Präsident vorstehen?
Steinhart: Diese Geschichte ist wichtig und sie zeigt, dass wir eine lange Tradition haben und dass die Kammer in all den Jahren offenbar gebraucht wurde. Viel wichtiger aber ist es, nach vorne in die Zukunft zu sehen. Und das mache ich und das machen wir gemeinsam.

Ärzt*in für Wien: Wie sieht dieser Blick nach vorne aus?
Steinhart: Zum einen verbessert die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien laufend ihre bereits sehr professionellen Serviceleistungen für ihre Mitglieder. Wir sind erster Ansprechpartner in allen Fragen rund um die ärztliche Tätigkeit und wir drehen an allen Rädern, damit Beratungen, Informationen und Services noch besser und effektiver werden. Zum anderen haben wir als Interessenvertretung auch eine Verantwortung nach außen. Daher melden wir uns politisch kräftig zu Wort, bieten unsere Expertise bei Gesetzwerdungsprozessen an und agieren, wenn wir sehen, dass in der sozialen und solidarischen Gesundheitsversorgung etwas in Schieflage zu geraten droht.

Ärzt*in für Wien: Welche Leistungen sind das zum Beispiel?
Steinhart: Wir vertreten die Interessen unserer Mitglieder bei diversen Honorar- und Gehaltsverhandlungen, bei der Bestimmung der Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeiten, bei den Kollektivverträgen für Ordinationsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter und vielem mehr. Wir unterstützen unsere Mitglieder durch eine sehr breite Palette von Serviceleistungen: Juristische Beratung, Organisation von Fortbildung, Services beziehungsweise Hilfe bei Ordinationsgründung, Jobservice, Informationsdrehscheibe, also zum Beispiel die Publikation relevanter standespolitischer und Service-Themen, Verordnungen, Änderung von Abrechnungsmodalitäten in Form von Rundschreiben, Newsletter, in diesem Magazin, um nur einige zu nennen.

Ärzt*in für Wien: Die Kammer-Tätigkeit wird von manchen nicht immer positiv kommentiert. Was sagen Sie dazu?
Steinhart: Eine starke standespolitische Vertretung ist vielen Akteuren ein Dorn im Auge, die lieber ein leichteres Spiel mit uns hätten. Da wird auch gerne das Wort „Verhinderer“ oder „Bremser“ bemüht. Natürlich bemühen wir uns, sinnlose oder sogar schädliche Entscheidungen der Politik oder der Sozialversicherungen zu verhindern, das sehe ich auch als eine unserer zentralen Aufgaben. Tatsächlich machen wir konstruktive Vorschläge, bringen unsere Expertise in die politischen Prozesse ein, fördern vernünftige und vielversprechende Maßnahmen und setzen uns vehement für die Rechte unserer Mitglieder ein. Das ist unser Auftrag und den werden wir als Interessenvertretung nicht aus den Augen verlieren. Wir möchten unsere Mitglieder vor drohenden negativen Entwicklungen schützen und den freien Arztberuf und das solidarische Gesundheitssystem weiterhin garantieren. Gäbe es die Ärztekammer nicht, wäre genau das in Gefahr.

Ärzt*in für Wien: Derzeit beschäftigen sich Medien in häufig kritischer Weise mit der Vertretung von Berufsgruppen durch Kammern, dem Gebaren dieser Kammern und dem Thema der verpflichtenden Mitgliedschaft.
Steinhart: Ich sehe diese Diskussion als Auftrag, den Mitgliedern auch auf diesem Weg die grundsätzliche Sinnhaftigkeit, das breite Leistungsspektrum und den großen praktischen Nutzen unserer Standesvertretung in Erinnerung zu rufen. In der Welt, in der wir Ärztinnen und Ärzte derzeit leben und arbeiten, ist eine starke Interessenvertretung ganz besonders wichtig. Die zahlreichen Bestrebungen der vergangenen Jahre, uns als Berufsvertretung zu schwächen, unsere Mitglieder per Zwang zu Leistungen im öffentlichen Gesundheitswesen zu verpflichten, uns zunehmend an die kurze Leine der Politik und der Sozialversicherungen zu legen, bei unseren Leistungen den Rotstift anzusetzen, die ärztliche Freiberuflichkeit einzuschränken, ärztliche Leistungen an andere Berufsgruppen zu delegieren, durch den Verkauf öffentlicher Versorgungseinrichtungen an Investoren ärztliche Entscheidungsbefugnisse an Betriebswirte und Controller abzutreten, und nicht zuletzt uns den Schwarzen Peter für Fehlentwicklungen in der Gesundheitsversorgung zuzuschieben, sind nur einige Beispiele für die Notwendigkeit einer starken und alle Ärztinnen und Ärzte umfassenden Standesvertretung, die solchen Tendenzen engagiert gegensteuert.

Ärzt*in für Wien: Welchen Stellenwert haben Funktionärinnen und Funktionäre?
Steinhart: Die Funktionärinnen und Funktionäre tragen Verantwortung für über 15.000 Mitglieder. Sie treffen berufs-, gesundheits- und standespolitisch weitreichende Entscheidungen und erfüllen gesetzlich vorgeschriebene, komplexe Aufgaben. Diese Aufgaben erfordern eine hohe Qualifikation und entsprechende Ressourcen. Die Gewinnung qualifizierter Ärztinnen und Ärzte für eine Funktion in der Kammer wird immer herausfordernder.
Diese Tätigkeit erfolgt zusätzlich zum ohnehin anspruchsvollen Berufsalltag und erfordert oft Engagement in den Abendstunden oder am Wochenende. Eine angemessene Aufwandsentschädigung ist daher wichtig und Ausdruck der Wertschätzung für dieses besondere Engagement. Und eines noch: Bei uns wird nichts versteckt. Alle Funktionärsgebühren der Wiener Kammer sind über unsere Website transparent einsehbar. Außerdem soll eine Nicht-Valorisierung der Funktionärsgebühren für 2026 beschlossen werden. 

„Wir setzen uns vehement für die Rechte unserer Mitglieder ein. Das ist unser Auftrag und den werden wir als Interessenvertretung nicht aus den Augen verlieren.“
Mann mit Hemd, Krawatte und Sakko sitzt im Büro am Schreibtisch.
Johannes Steinhart: Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Foto: Oliver Topf
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/fuer-aerztinnen/starke-standesvertretung-ist-gerade-jetzt-wichtig