KI-Forscher Wali Malik
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KI-Forscher Wali Malik

Eine neue Art, Wissenschaft zu betreiben

Er gilt als einer der führenden Köpfe im Bereich Laborautomatisierung und KI-gestützter biomedizinischer Forschung. Nach Stationen in der Pharmabranche setzt der US-amerikanische Wissenschafter Wali Malik seine Karriere in Wien fort – als Head of AI Driven Lab Robotics am neu gegründeten Aithyra-Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er will Künstliche Intelligenz und Biomedizin auf einzigartige Weise zusammenführen und Wien zu einem führenden Standort für KI-getriebene Robotik in der Medikamentenentwicklung machen.

Stefan Eckerieder

„Als ich begonnen habe in der Antikörperforschung zu arbeiten, war die Arbeit alles andere als automatisiert. Ich führte viele Experimente per Hand durch. Diese Forschungen waren oft groß angelegte Projekte und dementsprechend mühsam war die Arbeit. Wir sind nur sehr langsam vorangekommen“, sagt Wali Malik, der zunehmend davon genervt war, seine Zeit hauptsächlich mit Routinetätigkeiten zu verwenden anstatt für wissenschaftliche Fragestellungen. Der Wendepunkt kam, als er im Labor ungenutzte Roboter entdeckte. „Ich fragte, ob ich sie ausprobieren dürfte, besorgte mir das Handbuch, lernte aus jedem Fehlversuch und plötzlich funktionierten die Experimente mit Hilfe der Roboter deutlich schneller und präziser.“

Was als Experiment begann, wurde für den Biologen und Genetiker schnell zur Leidenschaft: „Ich entwickelte eigene Programme, um die Roboter besser zu steuern und Daten automatisch auszuwerten. Die Kollegen sahen, dass ich effizienter arbeitete und so kam ich ins Automatisierungsteam.“ Von da an war der Weg vorgezeichnet: „Ich erkannte, dass ich meine Begeisterung für Computer, Software und Biologie kombinieren konnte. Das war für mich der Beginn einer neuen Art, Wissenschaft zu betreiben.“

Ein neues Forschungszeitalter
In Folge arbeitete Malik unter anderem bei Pharma-Riesen wie AstraZeneca, Merck und GSK etwa daran, Impfstoffprojekte durch die Integration von maschinellem Lernen effizienter zu machen. „In großen Pharmaunternehmen laufen täglich Tausende Experimente, Automatisierung ist da kein Luxus, sondern Notwendigkeit“, erklärt der in Washington D.C. geborene Wissenschafter. Allerdings hatte die Arbeit in der Industrie auch Schattenseiten: „In der Biotech- und Pharmabranche ist vieles geheim. Ich durfte kaum über meine Projekte sprechen, weil sie patentgeschützt waren. Ich konnte nicht publizieren, nicht präsentieren. Das war frustrierend, weil ich mein Wissen nicht weitergeben konnte.“ Er habe zwar viele junge Wissenschafterinnen und Wissenschafter ausgebildet, die heute selbst große Automatisierungsabteilungen leiten, doch ihm fehlte der offene wissenschaftliche Austausch. „Ich wollte Forschung betreiben, die transparent, kollaborativ und für andere zugänglich ist.“

Von den USA nach Wien
Den letzten Anstoß, in die akademische Wissenschaft zurückzukehren, gab die Entscheidung der Trump-Regierung, die staatliche Forschungsförderung, speziell im Bereich der Medikamentenentwicklung drastisch zu kürzen. „Ich sah, wie viele meiner Freunde ihre Jobs verloren, weil Budgets gestrichen wurden. Selbst Spitzenforscher in Harvard oder den National Institutes of Health mussten Projekte abbrechen, sogar in der Krebsforschung.“

Malik begann, sich nach Alternativen umzusehen und stieß auf das Angebot aus Übersee: eine Leitungsposition an einem neu gegründeten Institut in Wien, das KI-gestützte biomedizinische Forschung mit Automatisierung verbinden will. „Ich hatte nie zuvor an Österreich gedacht. In meinem Bereich zieht es die meisten eher in die Schweiz oder in die USA. Aber Wien hat mich überrascht: eine wunderschöne, lebenswerte Stadt, ein großartiges wissenschaftliches Umfeld, und eine Vision, die mich sofort überzeugt hat. Die Kombination aus öffentlicher Förderung und privatem Engagement, etwa durch die Boehringer Ingelheim Stiftung, ist beeindruckend.“

Ein neues Modell für Forschung
In Wien baut er nun ein Labor, das „von Grund auf auf KI, Automatisierung und Grundlagenforschung in der Medikamentenentwicklung ausgerichtet“ ist. Ziel ist es, große biomedizinische Datenmengen zu erzeugen, die speziell für maschinelles Lernen optimiert sind. „Viele heutige Forschungsdaten sind für Menschen gemacht, nicht für KI. Wir wollen Experimente so gestalten, dass ihre Ergebnisse maschinell auswertbar und reproduzierbar sind. Das ist ein völlig neuer Ansatz.“ In seinem Labor arbeiten bereits rund 150 Wissenschafterinnen und Wissenschafter täglich mit Robotiksystemen. „Wir entwickeln automatisierte Prozesse für die Gen- und Zelltherapie. Konkret geht es darum, wie man auf Genen basierte Medikamente herstellt, testet und optimiert. KI hilft uns, aus den riesigen Datenmengen Muster zu erkennen, die wir sonst nie finden würden.“

Er möchte in Wien zeigen, wie sich wissenschaftliche Innovation und Automatisierung gegenseitig befruchten können: „In der Industrie dauert es oft Jahre, bis neue Experimente überhaupt starten können. Wir wollen diesen Prozess auf Monate verkürzen. Nicht, indem wir Wissenschaft abkürzen, sondern indem wir sie effizienter machen.“ KI sei dafür der Schlüssel, indem sie Routineaufgaben automatisiert, Literatur durchsucht, Experimente plant oder programmiert. „Dadurch bleibt mehr Zeit für die eigentliche Wissenschaft – für Hypothesen, Analysen und Entdeckungen“, sagt Malik. Langfristig sieht er in KI das Potenzial, echte Durchbrüche zu ermöglichen: „Wenn wir mehr und bessere Daten generieren, kann KI helfen, komplexe Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson endlich besser zu verstehen. Das ist das große Ziel, dass Forschung künftig wesentlich schneller abläuft.“

Wien als aufstrebender Standort
Über seine neue Heimat spricht er mit spürbarer Begeisterung: „Ich bin erst seit wenigen Monaten hier, aber ich fühle mich schon sehr wohl. Die Stadt ist familienfreundlich, international, und die Menschen sind unglaublich hilfsbereit. Meine Kinder besuchen eine zweisprachige Schule, meine Frau, sie ist Künstlerin, liebt die Museen und die kreative Szene.“ Auch wissenschaftlich sieht er großes Potenzial: „In Österreich gibt es hervorragende Forscherinnen und Forscher, etwa am Vienna BioCenter. Ich glaube, dass Wien das Zeug hat, sich zu einem echten Hotspot für KI und Biomedizin zu entwickeln.“ Sein Ziel: ein Ökosystem schaffen, in dem Wissenschaft, KI und Unternehmertum zusammenwachsen. „Wenn wir hier neue Technologien und Erkenntnisse schaffen, können daraus nicht nur Publikationen entstehen, sondern auch neue Unternehmen, mit wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Mehrwert. Das ist die Zukunft.“

„Ich wollte Forschung betreiben, die transparent, kollaborativ und für andere zugänglich ist.“
Der Mediziner Wali Malik sitzt in einem Labor, weiß bekleidet und blickt direkt in die Kamera.
Wali Maliks Ziel ist es, ein KI-Ökosystem in Wien zu etablieren.
Foto: ÖAW/Klaus Pichler
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/medizin/eine-neue-art-wissenschaft-zu-betreiben