Beratung
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„Alleinerziehende brauchen eine starke Stimme“

Rund die Hälfte aller alleinerziehenden Mütter in Österreich lebt an der Armutsgrenze – mit weitreichenden Folgen für Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe. Die St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien unterstützt betroffene Frauen mit Beratung, Wohnprojekten und Arbeitsintegration auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben, erklärt Geschäftsführerin Nicole Meissner.

Stefan Eckerieder

Ärzt*in für Wien: Was ist die Kernaufgabe der St. Elisabeth-Stiftung?
Meissner: Die Stiftung setzt sich seit vielen Jahren für Alleinerziehende und ihre Kinder ein. Das sind meist Frauen, die oft am Rand der Gesellschaft stehen. Wir beraten aber auch Männer, die in diese Situation kommen. Unser Ziel ist es, sie in den Mittelpunkt zu rücken und ihnen konkrete Perspektiven zu geben. Wir arbeiten in drei Schwerpunkten: Beratung, Wohnen und Arbeitsintegration.

Ärzt*in für Wien: Wie sieht die Unterstützung im Beratungsbereich aus?
Meissner: Wir bieten Schwangeren- und Familienberatung, psychologische Beratung, Psychotherapie, Rechtsberatung sowie eine Sachspendenausgabe an. Über unseren jährlich mit 100.000 Euro dotierten Hilfsfonds können wir zudem rasch und unbürokratisch Überbrückungshilfen leisten. Manchmal kann eine unerwartete Stromnachzahlung eine finanzielle Negativspirale in Gang setzen. Hier können wir oft unkompliziert aushelfen. Viele Betroffene kommen zu uns, weil sie an ihre Grenzen stoßen. Wir helfen dabei, Situationen zu stabilisieren und Überforderung zu vermeiden.

Ärzt*in für Wien: Was ist das übergeordnete Ziel Ihrer Arbeit?
Meissner: Viele Alleinerziehende Frauen leben in Abhängigkeiten oder Gewaltsituationen, oft aus Angst, das Leben allein finanziell nicht bewältigen zu können. Wir möchten diesen Frauen Mut machen, sich aus solchen Strukturen zu lösen. Ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben ist immer die bessere Option. Wir wollen die Frauen auf diesem Weg unterstützen.

Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielt der Wohnbereich?
Meissner: Wir sind der größte Mutter-Kind-Haus-Träger Wiens. Derzeit betreiben wir fünf Häuser, ein sechstes eröffnen wir im kommenden Jahr. Dort bieten wir Wohnplätze mit sozialpädagogischer, psychologischer und sozialarbeiterischer Begleitung. Jedes Haus hat einen eigenen Schwerpunkt – etwa für nicht anspruchsberechtigte Frauen, für Mütter mit Babys. Insgesamt stellen wir über 100 Wohnungen bereit. Ergänzend gibt es mobil betreutes Wohnen sowie Stadtwohnungen als Übergangsmodell zwischen stationärer und selbstständiger Lebensführung.

Ärzt*in für Wien: Wie begleiten Sie Mütter beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt?
Meissner: Das Thema Arbeit ist der Schlüssel zur nachhaltigen Stabilisierung. Wir betreiben mehrere Werkstätten, darunter die Web- und Kreativwerkstatt „Mamas Werkstatt“ und seit Kurzem das „Mamas Café“. Hier können Frauen sechs bis zwölf Monate lang arbeiten, berufliche Erfahrung sammeln und lernen, den Alltag mit Job und Kinderbetreuung zu organisieren. Rund 85 Prozent unserer Teilnehmerinnen schaffen danach den Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt.

Ärzt*in für Wien: Welche weiteren Angebote gibt es?
Meissner: Neben der kostenlosen Psychotherapie für Mütter mit traumatischen Erfahrungen betreiben wir seit Juni das „Refugium Collegialität“ im 19. Bezirk. Dort finden Lernhilfeprogramme für Kinder und Jugendliche statt, aber auch generationenübergreifende Begegnungen.

Ärzt*in für Wien: Wie groß ist das Team der Stiftung?
Meissner: Wir sind stolz darauf, über 100 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Team zu haben, die mit Herzblut und Leidenschaft an unserer Vision arbeiten. Darüber hinaus werden wir von zahlreichen engagierten Ehrenamtlichen unterstützt, deren Einsatz für uns unbezahlbar ist. Sie geben Deutschunterricht, helfen tatkräftig bei der Lernbetreuung und packen im Sachspendenlager mit an. Ihre Unterstützung bei unseren Events bereichert unsere Gemeinschaft und ist ein unverzichtbarer Bestandteil unserer Arbeit.

Ärzt*in für Wien: Wie werden Ihre Projekte finanziert?
Meissner: Finanziert werden wir durch die Erzdiözese Wien, den Fonds Soziales Wien, das Bundeskanzleramt und das Arbeitsministerium. Ein Teil unserer Unterstützung kommt aus privaten Spenden und ehrenamtlichem Engagement, auch aus dem medizinischen Bereich. Vertreterinnen und Vertreter der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien unterstützen unseren Gesundheitsfonds, durch den wir Psychotherapie, Logopädie oder Ergotherapie für Kinder finanzieren können. Unser Ziel ist, künftig noch mehr Medizinerinnen und Mediziner auch für ehrenamtliche Beratungen und Leistungen zu gewinnen.

Ärzt*in für Wien: In welchen Situationen kommen die Frauen zu Ihnen?
Meissner: Wir beraten jährlich rund 2.000 Frauen und Familien, etwa 200 davon in unseren Wohn- und Arbeitsprojekten. Manche sind sozial gut abgesichert und suchen psychologische Unterstützung, andere Mütter, die uns aufsuchen, sind nicht anspruchsberechtigt, sind in Wien gestrandet und haben keine Versicherung oder Unterkunft. Über 50 Prozent der alleinerziehenden Frauen in Österreich leben an der Armutsgrenze, das ist alarmierend. Diese Mütter brauchen eine Lobby, denn sie tragen die gesamte Familienverantwortung allein.

Ärzt*in für Wien: Hat das auf sich alleine gestellt sein neben den sozialen Folgen auch gesundheitliche Folgen für die Mütter?
Meissner: Armut und Überforderung wirken sich stark auf die psychische und körperliche Gesundheit aus. Deshalb achten wir in unseren Projekten auf gesunde Ernährung, Bewegung und psychische Stabilität. Wir laden Expertinnen und Experten regelmäßig zu Workshops ein und fördern Gesundheitsbewusstsein im Alltag. Denn wenn wir einer Mutter helfen, profitieren meist ein bis drei Kinder mit – so können wir den Kreislauf von Armut und Benachteiligung durchbrechen. Alles, was wir heute investieren, erspart der Gesellschaft in Zukunft doppelte Kosten.

Ärzt*in für Wien: Wie werden Betroffene auf Ihre Angebote aufmerksam?
Meissner: Ein Teil wird über das Beratungszentrum Wiener Wohnungslosenhilfe zugewiesen, viele kommen durch Mundpropaganda oder über das Internet. Uns ist wichtig, dass niemand eine Hemmschwelle haben muss: Jede Frau kann sich bei uns melden und erhält kostenlose, vertrauliche Unterstützung.

Ärzt*in für Wien: Fehlt es der Gesellschaft an Bewusstsein für die Lage alleinerziehender Mütter?
Meissner: Wir müssen eindeutig den Fokus stärker auf Mütter legen, die nach einer Trennung ein ganzes Familiensystem allein stemmen. Förderstellen und Sozialinstitutionen sollten diese Lebensrealität stärker mitdenken. Wenn wir heute in Bildung, soziale Stabilität und ein solidarisches Miteinander investieren, investieren wir in die nächste Generation – und holen Menschen aus Randlagen wieder in die Mitte der Gesellschaft. 

So können Sie helfen!

Schwangeren, alleinerziehenden Müttern und ihre Familien in Not fehlt oft die nötige Grundausstattung, um den Alltag zu bewältigen und ihren Kindern ein gesundes und sorgenfreies Leben zu bieten. Die Schützlinge der St. Elisabeth-Stiftung freuen sich das ganze Jahr über Sachspenden wie:

  • Windeln und Feuchttücher
  • Babynahrung
  • Kosmetikprodukte
  • Hygieneartikel
  • Haltbare Lebensmittel

Website: www.elisabethstiftung.at

„Ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben ist immer die bessere Option. Wir wollen die Frauen auf diesem Weg unterstützen.“
Frau mit Brille lächelt in die Kamera.
Nicole Meissner, Geschäftsführerin der St. Elisabeth-Stiftung
Foto: Lars Ternes
„Wenn wir heute in Bildung, soziale Stabilität und ein solidarisches Miteinander investieren, investieren wir in die nächste Generation – und holen Menschen aus Randlagen wieder in die Mitte der Gesellschaft.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/alleinerziehende-brauchen-eine-starke-stimme