Humor als Therapie
Humor als Therapie

Wenn Schmäh und Schabernack zur Medizin werden

Die CliniClowns gelten als Pioniere in Sachen Humortherapie. Beim kommenden Ärzteball werden sie das heurige karitative Projekt sein, dem der Reinerlös zu Gute kommt. Ärzt*in für Wien durfte die Clowns auf ihrer Mission in einem Pflegeheim begleiten. 

Eva Kaiserseder

„Aquarium“ lautet die etwas kryptische Ansage für den Termin mit den CliniClowns. Im Pflegehaus Donaustadt gleich neben dem Donauspital ist aber sofort klar, was damit gemeint ist: Dort steht tatsächlich ein großes Bassin mit unterschiedlichsten Arten von Fischen. Und davor turnt ein etwa 8-jähriges Mädchen laut lachend herum, flankiert von zwei Clowns, einem Mann und einer Frau, sowie einer begeisterten Oma, die umgehend bittet, Fotos mit ihrem Handy zu machen. „Das muss ich teilen, die sind so lustig!“, sagt sie. „Die“, das sind Dr. Vroni Fröhlich und Dr. Ernst Ernst, ihres Zeichens CliniClowns und abseits des Clowndaseins Marianne und Helmut. Schon während des kurzen Talks im Foyer wird klar: Die leise Skepsis gegenüber Clowns und womöglich verordnetem, aufoktroyiertem Humor war unnötig. Das Duo sprüht vor feinem Wortwitz und ist perfekt aufeinander eingetaktet, jede Pointe sitzt und die unverkrampfte Leichtigkeit der beiden ist mitreißend. Schon im Lift auf dem Weg nach oben bezaubern die beiden mit verspieltem Schabernack. 

Marianne, die eine Schauspielausbildung absolviert und passionierte Clownin ist, bringt das sehr gut auf den Punkt: „Gewissen Vorbehalten begegnen Clowns immer wieder. Das besonders Schöne bei uns ist, dass unser Angebot als CliniClowns gerade im Spital und im Pflegeheim, wo es sehr stark um den Verlust von Autonomie geht, ein freiwilliges ist. Und wer es nicht annehmen möchte, kann das auch kundtun und stößt bei uns auf offene Ohren. Wir drängen uns nicht auf. Was wirklich großartig ist: Wenn jemand, der anfangs ablehnend war, plötzlich aufmacht und mitgeht.“ Helmut ist in diesem Duo derjenige, der über 20 Jahre Erfahrung mitbringt, während Marianne erst vor zwei Jahren bei den CliniClowns begonnen hat. Den Unterschied an Jahren merkt man allerdings nicht wirklich, beide sind absolute Profis. 

Die Castings sind intensiv, beim Auswahlverfahren wird sehr akkurat geprüft, denn Fluktuation gibt es bei den CliniClowns kaum, viele sind teils seit Jahrzehnten, wie eben Helmut, dabei. Der von ihm verkörperte Dr. Ernst Ernst punktet schon alleine optisch durch eine rosa Retrorüschenbluse und mit einer so offensichtlichen Perücke, dass der Begriff „Selbstironie“ mehr als verdient ist. Die Schelle am Schuh ist das i-Tüpfelchen. Dr. Vroni Fröhlich besticht mit neckischer Fliegermütze im Blümchenstyle samt Schwimmbrille und großen Ohrringen. Beide tragen einen Arztkittel. Helmut erzählt, dass Kinder wenig überraschend oft am zugänglichsten bei den Besuchen der CliniClowns sind. Ältere Menschen dagegen würden oft sagen, dass die Clowns doch zu den Kleinen gehen sollten. „Unser Zugang ist dann anzubieten, sein inneres Kind, das wir alle einmal waren, wieder zu entdecken. Am Schönsten ist es, wenn man Menschen, die umgehend Ablehnung signalisiert haben, dann doch noch ein Schmunzeln und Lachen entlockt“, erzählt er von seinen Erfahrungen und empfindet dabei wie Marianne die Überraschungsmomente seines Berufs als extrem beglückende Erfahrung.

Im AKH wurde erstmals über die Clowns gelacht

Die Idee von Clowns in Spitälern und überhaupt der Humortherapie wurde 1991 nach Österreich gebracht. Die erste Clownvisite Europas fand schließlich im September im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) statt. Was damit angeboten wird, versteht sich eher als begleitende Art von Medizin, als nachweisliche Stressreduktion denn als schlichte Unterhaltung. So werden etwa die Stresshormone Cortisol und Adrenalin durch Lachen gesenkt. Und seelisch ist Humor ohnehin eine ganz eigene Liga. „Eine missliche Situation, Ängste, Sorgen oder auch die eigenen Unzulänglichkeiten lassen sich leichter akzeptieren und bewältigen, wenn all dem ein Schmunzeln oder Lachen entgegengebracht wird. Damit ermöglicht Humor, dem Leiden, den Schmerzen und der Verzweiflung, wenn auch nur manchmal, zu entfliehen“, so Doris Bach, Präsidentin des CliniClowns Forschungsvereins.

Zurück ins Pflegehaus Donaustadt. Im Aufenthaltsraum warten rund 20 Bewohnerinnen und Bewohner auf die Clowns und man merkt, diese sind nicht zum ersten Mal zu Gast. Das Publikum ist bunt gemischt, die Altersgruppen ganz unterschiedlich, von 50 bis 95 ist alles dabei. Es wird sofort Schmäh geführt. Man merkt in der Sekunde, wer länger braucht, um aufzutauen, wer seine innere Rampensau endlich wieder freilassen darf und wer sich vielleicht einfach nur innerlich fragt: „Was mache ich hier eigentlich?“ Abseits vom Alltag im einer Pflegeinrichtung, in der man in erster Linie Bewohnerin oder Bewohner ist, ist spürbar: Ein solcher Besuch schärft das eigene Profil, man geht in Resonanz, man darf sich zeigen – und wird gesehen. 

Und auch für das Pflegepersonal sind diese Besuche ein Gewinn, stressmindernd und eine bunte Insel im Alltag. Zuerst noch zögerlich, dann mit immer größerem Interesse schart sich das Team im Hintergrund um die Clowns, die völlig in ihrem Element sind, singen, jonglieren und zum Mitmachen animieren, dabei aber nie aufdringlich sind. Als dann gesungen wird – Dr. Ernst Ernst hat eine Ukulele im Gepäck – und eine zuerst eher skeptische, elegante Dame um die 80 mit Grandezza ein frivoles Heurigengstanzl verschmitzt zum Besten gibt, wird frenetisch applaudiert. „Aber habt ihr nichts Wilderes im Gepäck? AC/DC oder so?“, wird gefordert. Das lassen sich Marianne und Helmut nicht zweimal sagen und legen entfesselt los. „Ja, das passt!“, gibt es anerkennende Worte, Gelächter und Applaus nach der gekonnten Rock´n´Roll Einlage. Eine Runde Krapfen für alle beendet diesen feinen Nachmittag, alle sind in gelöster, lockerer Stimmung und man spürt förmlich, nämlich auch körperlich, dass diese Art von Begegnung tatsächlich Medizin für Herz und Seele ist. 
 

„Das besonders Schöne bei uns ist, dass unser Angebot als CliniClowns gerade im Spital und im Pflegeheim, wo es sehr stark um den Verlust von Autonomie geht, ein freiwilliges ist.“
Zwei CliniClowns tanzen gemeinsam.
Die CliniClowns Dr. Ernst Ernst und Dr. Vroni Fröhlich sind ein eingespieltes Team.
Foto: Katharina Fröschl-Roßboth
Zwei CliniClowns bei ihrer Performance. Der männliche Clown spielt gerade auf einer kleinen Gitarre/Ukulele und der weibliche Clown jongliert gerade mit einem bunten Ball.
Marianne alias Dr. Vroni Fröhlich bei einer ihrer Jongliereinlagen.
Foto: Katharina Fröschl-Roßboth
Man sieht die bunten Socken des CliniClowns.
Helmut alias Dr. Ernst Ernst ist mit seinem fantasievollen Kostüm ein absoluter Hingucker.
Foto: Katharina Fröschl-Roßboth
„Unser Zugang ist anzubieten, sein inneres Kind, das wir alle einmal waren, wieder zu entdecken."
„Eine missliche Situation, Ängste, Sorgen oder auch die eigenen Unzulänglichkeiten lassen sich leichter akzeptieren und bewältigen, wenn all dem ein Schmunzeln oder Lachen entgegengebracht wird.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/wenn-schmaeh-und-schabernack-zur-medizin-werden