Krankenhausarchitektur
Krankenhausarchitektur

„Spitäler stehen für Aufbruch und Transformation"

Gut belüftete Räume, ein eigenes Bett für alle Patientinnen und Patienten und Ruhe für die Kranken: Faktoren, die uns heute selbstverständlich erscheinen, sind historisch gewachsen. Welche Rolle die Spitalsarchitektur bei der Genesung spielt, warum Joseph II. ein so wichtiger Neuerer des Gesundheitswesens war und was die heutige Bauweise bei Krankenhäusern ausmacht, erzählt Christiane Druml, Direktorin des Josephinums, im Gespräch mit Ärzt*in für Wien.

Eva Kaiserseder

Ärzt*in für Wien: Im Rahmen der „Foto Wien“ zeigt das Josephinum noch bis Ende Februar eine Ausstellung mit dem Titel „Medizin und Architektur“. Welche Rolle spielt die Architektur denn im Gesundheitswesen?
Druml: Ein Krankenhaus steht vielfach für den Beginn einer Reise zur eigenen Gesundheit. Um eine schöne bildliche Parallele zu ziehen: Spitäler sind Bahnhöfen nicht unähnlich, auch sie stehen für Aufbruch und Transformation. Man betritt das Spital als Kranker und verlässt es im Idealfall als Genesener, Geheilter, auch wenn es hier viel Ungewisses gibt. Diese Trans-formationskraft und diese hoffnungsvollen Gedanken birgt ein Krankenhaus potenziell immer in sich und damit ist auch dessen Gestaltung und Bauweise von Bedeutung.

Ärzt*in für Wien: Wir sitzen hier für unser Gespräch im Josephinum, also in der einst von Joseph II. erbauten Militärakademie. Das dazugehörige Krankenhaus war das Garnisonsspital als Militärspital, das mehr oder weniger parallel mit dem Alten AKH, dem Allgemeinen Krankenhaus, gebaut wurde. 
Druml: Genau. Mit dem AKH konnte Joseph einige richtungsweisende Ideen umsetzen, wie etwa dass alle Patientinnen und Patienten ein Bett hatten oder dass es mehr Zentralisierung gab, wie etwa bei Pflege, Küche oder Administration. Zudem fanden Unterricht und Forschung nun auch am Krankenbett statt. Noch heute gibt es dieses medizinische Viertel 
vom Gürtel bis zum Schottenring, das Joseph damals definiert hat.

Ärzt*in für Wien: Wo ließ er sich für seine Neuerungen inspirieren?
Druml: Es heißt, dass sich Joseph, als er 1777 bei seiner Schwester Marie Antoinette in Frankreich war, einige Militärakademien angeschaut hat, vor allem in Bezug auf die Position der Chirurgie im Rahmen der vielen Kriege, die es damals gab. Zudem hat er sich das Hôtel-Dieu auf der Ile de la Cité angeschaut, ein großes Krankenhaus gegenüber von Notre Dame, das für ihn ein Vorbild, andererseits aber auch ein abschreckendes Beispiel war. So gab es dort etwa Großbetten mit mehreren Patientinnen und Patienten. So etwas wollte er auf keinen Fall haben. Es war also ein Beispiel in positiver, aber auch in negativer Hinsicht.

Ärzt*in für Wien: Wenn man zur Zeit Josephs II. krank war, gab es ja keine Therapie im heutigen Sinne. Was ist mit kranken Menschen passiert? 
Druml: Früher war es jedenfalls so, dass Diagnosen nicht leicht zu stellen waren, vereinfacht gesagt suchte man immer nach dem Sitz der Krankheit. Und Therapien, wie wir sie heute kennen, gab es noch weniger. Ärzte wie der Internist Josef Skoda haben im Zusammenwirken mit dem Pathologen Carl Rokitansky Mitte des 19. Jahrhunderts dann herausgefunden, woher die Leiden der Patientinnen und Patienten kamen und wo genau sie sich im Körper befanden. Bei den Obduktionen wurde das verifiziert oder falsifiziert. In diesem Zusammenwirken konnte man Diagnosen stellen, mit denen dann Schritt für Schritt symptomatische Behandlungen beginnen konnten. Vorher gab es nicht wirklich Möglichkeiten in dem Sinne, in dem wir sie heute haben, etwa medikamentös. Was es gab, war etwa Aderlass, Wundbehandlungen und im schlimmsten Falle Amputationen.

Ärzt*in für Wien: Ich würde jetzt einen großen Sprung ins 20. Jahrhundert machen. Stichwort „Healing Architecture“: Für wie wesentlich für die Genesung halten Sie die Architektur und Gestaltung von Krankenhäusern? 
Druml: Schon Joseph II. hat ja gewisse Vorgaben in der Architektur gefordert, die man durchaus als „Healing Architecture“ bezeichnen kann. Er wollte zum Beispiel, dass die Räume gut belüftet sind. Auch die Größe der Räume war ihm wichtig, er wollte keine riesigen Säle, wobei man damals natürlich das Individuum ganz anders betrachtet hat. Aber es ging zum Beispiel darum, dass das Pflegepersonal die Patientinnen und Patienten gesammelt im Blick haben musste. Davon sind wir jetzt mit relativ klei¬nen Zimmern in den Spitälern natürlich weit entfernt. 
Damals war es so, dass die reichen Leute nicht ins Krankenhaus gegangen sind, sondern den Arzt zu sich nach Hause kommen ließen. Es gab ja noch kaum Dinge, für die man ein Krankenhaus gebraucht hätte wie Röntgen, Blutabnahme oder Ähnliches. Mit dem Allge-meinen Krankenhaus hat sich das geändert, denn es gab damit vier Klassen von Behandlungsmöglichkeiten, von luxuriös bis sehr einfach. Und dass sich die Räume verkleinert haben, hängt auch mit mehr Autonomie und Individualismus zusammen. Man hat sich mehr Ruhe und weniger Störungen gewünscht. Im 18. Jahrhundert hat sich damit nicht nur das Krankenbett entwickelt, sondern auch die Krankengeschichte mit der Betttafel. Die Medizin war ja überdies paternalistisch geprägt bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Und nicht nur sie war das. Die Gesellschaft hat sich seither in allen Bereichen des Lebens gewandelt.

Ärzt*in für Wien: Wir haben mit Rokitansky und Skoda bereits die Zweite Wiener Medizinische Schule gestreift. Welche Persönlichkeiten aus dieser Zeit gehören für Sie zu den prägendsten?
Druml: Es gibt einige Figuren, die über den nationalen Bereich hinaus entscheidend waren. Etwa Franz Joseph Gall, der im 18. Jahrhundert mit seiner Einteilung des Gehirns mit dem „Gall´schen Schädel“ die Neurowissenschaften vorweggenommen hat oder Johann Leopold Auenbrugger. Er hat die Perkussion erfunden, also das Abklopfen von Hohlräumen, um Hinweise auf den Zustand der Organe zu erhalten. In Frankreich wurde von René Laennec das Stethoskop erfunden. Diese Dinge sind nach wie vor Teile einer ärztlichen Untersuchung und wirken über die Grenzen und die Zeit hinweg. Dann gab es natürlich Ignaz Semmelweis mit seinen bahnbrechenden Ideen zur Hygiene, um Krankheitsübertragung durch Keime zu verhindern. Es gab hier also einige herausragenden Persönlichkeiten, die die Medizin weltweit mitgestaltet haben, viele mehr als die genannten.

Ärzt*in für Wien: Der Sitz der Krankheit als wichtiges Definitionsmittel, was genau ist damit gemeint? Wie hat sich diese Philosophie aus Krankheit und Gesundheit entwickelt? 
Druml: Als Ethikerin und Juristin kann ich das eher aus historischer Perspektive als aus medizinischer skizzieren. Ich denke aber, man kann sagen, dass die Aufklärung hier schon sehr stark gewirkt hat, indem eine andere Struktur des Denkens gefordert und angeboten wurde. Durch die Kenntnis der Anatomie und Organe hat man im Zusammenwirken zwischen Untersuchungen an Lebenden und an Toten die Dinge weiterentwickelt. Und ich glaube, das war der entscheidende Schritt, wo dann viele Theorien obsolet wurden und durch andere wissenschaftliche Erkenntnisse abgelöst wurden.

Ärzt*in für Wien: Stichwort Patientenrechte und Patientenmitsprache: Wenn Sie sich heutige Krankenhäuser anschauen, wie sehr haben Sie da den Eindruck, dass dieses Thema hier mithineingewirkt hat, etwa bei der Bauweise? 
Druml: Ich glaube, hier gibt es unterschiedliche Aspekte. In unserer Ausstellung „Architektur und Medizin“ sieht man Kliniken, die Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut worden sind, wo noch nicht so viel Technik wie heute notwendig war und sehr viel nach ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet wurde. Manche Häuser sahen auch eher nach einem Palais denn nach Krankenhaus und Zweckbau aus. Aber denken Sie an die Pavillonstruktur des früheren Otto-Wagner-Spitals. Diese Struktur konterkarierte die damals üblichen Zentralbauten und war für die Patientinnen und Patienten damit vielleicht auch weniger einschüchternd. Man sieht hier nicht nur eine zeitliche Beeinflussung aus der Medizin selbst, sondern auch die kulturellen Umstände. Und genauso sieht man jetzt eine Beeinflussung durch Patientenrechte und den stark gewachsenen Autonomiegedanken dadurch, dass man kleinere Einheiten wie Einzelzimmer anbieten will. Auch Erkenntnisse aus Hygiene und der Verhütung nosokomialer Infektionen etwa hängen eher mit der Reduktion ästhetischer und einem Zuwachs praktischer Gesichtspunkte zusammen. Gute Architektinnen und Architekten schaffen es, ein Optimum aus diesen Ansprüchen kombinieren. Zusätzlich geht es um Faktoren wie eine schnelle Erreichbarkeit der unterschiedlichen Orte für die Patientinnen und Patienten und das Personal etwa durch kurze Wege im Spital.
 

„Schon Joseph II. hat ja gewisse Vorgaben in der Architektur gefordert, die man durchaus als Healing Architecture bezeichnen kann.“
Frau mit Brille und schwarzem Pullover
Christiane Druml ist Direktorin des Josephinums-Medizinhistorisches Museum und Inhaberin des UNESCO Lehrstuhls für Bioethik an der Medizinischen Universität Wien.
Foto: Daniel Hinterramskogler
„Die Medizin war paternalistisch geprägt bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Und nicht nur sie war das. Die Gesellschaft hat sich seither in allen Bereichen des Lebens gewandelt.“
„Durch die Kenntnis der Anatomie und Organe hat man im Zusammenwirken zwischen Untersuchungen an Lebenden und an Toten die Dinge weiterentwickelt.“
 
© medinlive | 13.02.2026 | Link: https://s2.medinlive.at/panorama/spitaeler-stehen-fuer-aufbruch-und-transformation