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Frauen in der Medizin

„Es gibt noch viel zu tun“

Ärztekammerpräsident Johannes Steinhart im Gespräch über positive Entwicklungen in puncto Gleichstellung zwischen Frauen und Männern im ärztlichen Beruf, wo es noch Aufholbedarf gibt und welche standespolitischen Konsequenzen er daraus zieht. 

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Präsident Johannes Steinhart sitzt an einem Tisch während eines Interviews und sieht dabei die Interviewerin an, von der man aber nur die Hand sehen kann.
Johannes Steinhart: "Der Wandel in der Medizin bildet sich zunehmend auch auf den Führungsebenen ab."
Foto: Stefan Seelig
„Es darf in Zukunft für Gender-Gaps im Beruf, bei den Karrierechancen sowie in der Medizin und Forschung einfach keinen Platz mehr geben.“

Ärzt*in für Wien: Herr Präsident Steinhart, vor genau 125 Jahren inskribierte in Österreich erstmals eine Frau ein Medizinstudium. Seither ist natürlich in der Medizinerinnen-Welt sehr viel passiert. Sind Sie mit den Fortschritten bei der Gleichstellung von Ärztinnen zufrieden?
Steinhart: Ja und nein. Natürlich gab und gibt es in diesem Bereich schöne Erfolge, die man auch nicht kleinreden sollte. Heute besteht bei den Ärztinnen und Ärzten ein fast exaktes Gleichgewicht bei den Geschlechtern, 1973 lag der Ärztinnen-Anteil noch bei 21,4 Prozent. In der Allgemeinmedizin haben Ärztinnen heute mit knapp 61 Prozent und im Turnus mit 56 Prozent ihre männlichen Kollegen bereits überholt. In den Sonderfächern beträgt der Frauenanteil inzwischen 43 Prozent. Das sind Fortschritte in Permanenz, die ich sehr positiv sehe, mit denen wir uns aber als Standesvertretung nicht zufriedengeben dürfen. Jetzt geht es darum, auch ein Gleichgewicht in den anderen medizinischen Fächern herzustellen, wo noch Nachholbedarf besteht. Ein Gesundheitssystem darf es sich nicht leisten, auf die Talente und die Expertise von Ärztinnen zu verzichten.

Ärzt*in für Wien: In welchen Fächern ist heute der Ärztinnen-Anteil auffallend hoch oder niedrig?
Steinhart: Mit 63 Prozent Ärztinnen führt die Pädiatrie die Statistik an, dicht gefolgt von der Allgemeinmedizin. Auch in der Neurologie, Psychiatrie, Dermatologie und Pulmologie stellen Frauen inzwischen die Mehrheit. Am anderen Ende der Skala stehen die oft so bezeichneten traditionellen „Männerfächer“ wie Orthopädie, Unfallchirurgie oder Urologie. Aber auch hier steigt der Frauenanteil. In der Allgemeinchirurgie nähert er sich dem Drittel. Die Richtung stimmt also.

Ärzt*in für Wien: Wie sieht es mit der häufig kritisierten „gläsernen Decke“ von Frauenkarrieren im Gesundheitswesen aus?
Steinhart: Hier ist bei den Zahlen noch Luft nach oben. Aber der Wandel in der Medizin bildet sich zunehmend auch auf den Führungsebenen ab. Inzwischen beträgt zum Beispiel der Professorinnen-Anteil an den staatlichen Medizin-Universitäten bereits 30 Prozent und mehr. Bei den Primariaten stieg der Frauenanteil von 6,8 Prozent im Jahr 1990 kontinuierlich auf inzwischen 18,4 Prozent. Das ist natürlich noch weit von einer Parität entfernt, aber doch ein positiver und wünschenswerter Trend. Die Top-5-Fächer der von Ärztinnen geführten Abteilungen sind die Psychiatrie, Anästhesie und Intensivmedizin, einige Spezialisierungen innerhalb der Inneren Medizin, Kinder- und Jugendheilkunde einschließlich Neonatologie, und die Gynäkologie.

Ärzt*in für Wien: Werfen wir einen Blick zurück in die Medizingeschichte. Wie lässt sich der Weg der Frauen in den Ärztinnenberuf und schließlich zu der beschriebenen heutigen Realität zusammenfassen?
Steinhart: Mit einem Wort: hürdenreich. Wir haben gemeinsam mit den drei staatlichen Medizinuniversitäten das Buchprojekt „Ärztinnen, die Geschichte schrieben – 125 Jahre Medizinstudium für Frauen in Österreich“ unterstützt, das sich mit diesen Entwicklungen beschäftigt. Was man da alles liest, ist aus heutiger Sicht geradezu unglaublich. So hieß es in einer Stellungnahme der Professorenkollegien der Universitäten 1878 zur Frage, ob man Frauen den Zugang zum Medizinstudium gewähren sollte, knapp und abschlägig: „Die Universität ist eine Vorschule für die Berufszweige des männlichen Geschlechts“. Der damalige Chirurgie-Chef des AKH sagte zum Beispiel gegen Ende des 19. Jahrhunderts über studierwillige Frauen: „Gott schütze jeden vor dieser Unheilsarmee.“ Ärztin konnte man, wie 1890 im Fall der ersten anerkannten Ärztin der Donaumonarchie, allenfalls per Gnadengesuch und kaiserlichem „Gnadenakt“ werden, Frauen wurde bei Bedarf bestenfalls „genehmigt“, als Ärztinnen tätig zu sein.

Ärzt*in für Wien: Vor 125 Jahren gab es dann eine Trendwende.
Steinhart: Ja, 1900 ist ein Meilenstein, da durften Frauen erstmals in Österreich Medizin studieren. Aber auch anschließend war der Zugang zum Ärztinnenberuf für sie ein oft demütigender Hürdenlauf: Sie durften zwar studieren, aber dann nicht im Spital arbeiten. Dann durften sie im Spital arbeiten, aber nicht habilitieren, und so weiter. Es nötigt mir sehr viel Respekt ab, wie sich Frauen gegen solche Widerstände durchsetzten, um Ärztinnen werden zu können.

Ärzt*in für Wien: Mit welchen Argumenten wurden Frauen damals vom Medizinstudium ferngehalten?
Steinhart: Die männlichen Kollegen fochten nicht mit der feinen Klinge. Da gab es den Vorwurf der zu kleinen weiblichen Gehirnmasse, der zu wenig ausgeprägten Leistungsfähigkeit, der „Gefühlswallungen“, der Menstruation, des Klimakteriums und selbstverständlich gab es Warnungen vor Schwangerschaften und Kindererziehung. Erstaunlich ist bei alldem die Parallelität, in der männliche Kollegen vielfach Ärztinnen die Befähigung zum Arztberuf abgesprochen haben, während Medizinerinnen gleichzeitig auch Spitzenleistungen vollbrachten. Es ist zu hoffen, dass es sich bei all dem um überholte Zeitphänomene handelt, die in unseren Tagen nichts mehr verloren haben – auch nicht in Ansätzen. 

Ärzt*in für Wien: Zurück zur Gegenwart. Was sind die standespolitischen Konsequenzen aus dem Gesagten?
Steinhart: Beginnen wir mit den Entwicklungen in unserer Kammer. Ein von außen sichtbares Beispiel ist die überfällige Umbenennung in Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien vor fast genau einem Jahr. Wir haben mit Naghme Kamaleyan-Schmied eine Vizepräsidentin, und immer mehr Frauen in Leitungspositionen. Das Referat für Frauenpolitik, Gender und Diversity hat sich gemeinsam mit mir zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil in allen Führungsebenen und Gremien auszubauen. Das Coachingprogramm „Ärztinnen@Kammer“ soll Ärztinnen dabei unterstützen, sich für verantwortungsvolle Führungsaufgaben innerhalb der Ärztekammer zu qualifizieren und sich für die nächste Kammerwahl zu bewerben.

Ärzt*in für Wien: Und nun zu Ihrer Positionierung gegenüber den anderen Stakeholdern im Gesundheitswesen.
Steinhart: Bei unseren Vorschlägen und Forderungen an die Politik, die Krankenhausbetreiber und die Kassen spielen zum Beispiel flexible, an die individuellen Lebensumstände und Bedürfnisse angepasste Arbeitsbedingungen eine zentrale Rolle – sowohl bei Kassenverträgen als auch in öffentlichen Krankenhäusern. Um Frauen zum Medizinstudium, und um Medizinerinnen zu einer Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitssystem zu motivieren, brauchen wir diese Flexibilität. Und ganz oben auf der Prioritätenliste steht eine leistbare Kinderversorgung, die den Realitäten unseres Berufs entspricht. Wir werden in den kommenden Monaten systematisch erheben, welche Hemmnisse Medizinstudentinnen und Ärztinnen auf ihrem Karriereweg zu schaffen machen, und welche Abhilfe sie sich wünschen. Außerdem muss auch an zahlreichen anderen Stellschrauben gedreht werden: Es darf in Zukunft für Gender-Gaps im Beruf, bei den Karrierechancen sowie in der Medizin und Forschung einfach keinen Platz mehr geben. Es gibt also auch 125 Jahre nach der erstmaligen Inskription einer Medizinstudentin noch viel zu tun. (rb)

„Das Coachingprogramm ‚Ärztinnen@Kammer‘ soll Ärztinnen dabei unterstützen, sich für verantwortungsvolle Führungsaufgaben innerhalb der Ärztekammer zu qualifizieren.“