Future Talk Ambulantisierung

Versorgung neu denken

Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde diskutierte unter dem Titel „Ambulantisierung neu denken“ in der neuen Veranstaltungsreihe „Future Talk“ in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien über die Entwicklung der ambulanten und tagesklinischen Leistungen.

David Hell
Wilhelm Marhold, Herwig Ostermann, Jan Pazourek, Richard Gauss, Naghme Kamaleyan-Schmied, Eduardo Maldonado-González, Benjamin Glaser und Moderator Köksal Baltaci (v.l.) sitzen nebeneinander auf dem Podium.
Wilhelm Marhold, Herwig Ostermann, Jan Pazourek, Richard Gauss, Naghme Kamaleyan-Schmied, Eduardo Maldonado-González, Benjamin Glaser und Moderator Köksal Baltaci (v.l.)
Foto: Stefan Seelig
„Wir müssen im Auge behalten, ob und inwiefern durch eine Hinwendung zu einem verstärkten tagesklinischen Angebot im Einzelfall gleiche Behandlungsqualität und gleiche Patientensicherheit gewährleistet sind.“

Von David Hell

Am 28. Jänner 2026 lud die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien zum zweiten Event aus der Veranstaltungsreihe „Future Talk“ ein. Dieses Mal ging es um die Ambulantisierung. Eröffnet hat den Abend Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte, der betonte, dass sich die Medizin im Laufe der vergangenen Jahre rasch weiterentwickelt hat. Demnach seien bei vielen Eingriffen nicht immer stationäre Aufenthalte nötig. Dennoch: „Wir müssen im Auge behalten, ob und inwiefern durch eine Hinwendung zu einem verstärkten tagesklinischen Angebot im Einzelfall gleiche Behandlungsqualität und gleiche Patientensicherheit gewährleistet sind“, sagte Präsident Steinhart.

Nach den Begrüßungsworten startete das Gespräch am Podium. Moderiert wurde der Abend von Köksal Baltaci, Redakteur bei Die Presse. Er bat sogleich Ex-KAV-Generaldirektor Wilhelm Marhold, den Begriff der Ambulantisierung festzumachen. Da viele Behandlungen bereits an einem Tag realisierbar seien, bevorzugt Marhold den Begriff „Tagesmedizin“. „Veränderungen im Spital müssen die Politik und das Spitalsmanagement als kulturellen Wandel verstehen und dementsprechend mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Bevölkerung kommunizieren – so auch bei der Ambulantisierung beziehungsweise Tagesmedizin“, so Marhold.

Neun Personen stehen zu einem Gruppenfoto beieinander.
Herwig Ostermann, Wilhelm Marhold, Benjamin Glaser, Jan Pazourek, Richard Gauss, Naghme Kamaleyan-Schmied, Johannes Steinhart, Eduardo Maldonado-González und Köksal Baltaci (v.l.) Foto: Stefan Seelig

Kein Qualitätsverlust
Darüber hinaus betonte Marhold, dass die Tagesmedizin beziehungsweise Ambulantisierung missverstanden werden könne. Einerseits von den Patientinnen und Patienten, die glauben, nicht einmal ein Bett angeboten zu bekommen und ja nur ambulantisiert behandelt werden. Fälschlicherweise werde eine minderwertige Behandlung verstanden. Und auch im Kollegenkreis bestehe die Befürchtung, dass ambulantisiert heißt, dass man Leistungen aus dem niedergelassenen Bereich ins Spital hereinziehe. „Beides ist falsch“, sagte Marhold. Es bedürfe daher einer gemeinsamen Kommunikation, um diese Vorbehalte zu entkräften.

Denn Patientinnen und Patienten hätten oftmals Angst, allein gelassen zu werden. „Diese Angst muss man nehmen und den Patientinnen und Patienten sagen: ‚Ihr verliert nicht. Ganz im Gegenteil. Wir werden effizienter, ihr kommt schneller zu den Eingriffen, ihr kommt schneller zu all dem, was ihr braucht‘“, sagte Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien.

So sieht es auch Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Kurienobmann angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. „Man muss einen Kulturwandel tatsächlich mit den Patientinnen und Patienten, mit der Politik und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchmachen, damit jeder weiß, es ist für mich als Mitarbeiter nicht schlechter, für den Patienten ist es sicher kein Qualitätsverlust, aber für die Politik ist es oft billiger.“

Spitäler entlasten, Niederlassung stärken
Naghme Kamaleyan-Schmied betonte, dass mit verstärkter Ambulantisierung der Ausbau der Niederlassungen gewährleistet sein muss – da die Ordinationen dann die Leistungen übernehmen, die vorher das Spital erledigt hat: „Wenn Leistungen aus den Spitälern in den niedergelassenen Bereich ausgelagert werden, müssen dafür schon vorher ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Ambulantisierung endet nicht an der Ordinationstüre, sie startet dort. Und dort muss die Finanzierung beginnen.“

Wenn die teuren Betten in den Spitälern seltener gebraucht werden, dann erspart sich am Ende des Tages das Gesundheitswesen eine Menge Geld. „Das ganze Geld, das das System sich dadurch erspart, darf nicht aus dem System rausfließen. Das muss in diesem Topf bleiben, weil so kann ich die Arbeitsbedingungen von den Leuten, die im System arbeiten, verbessern, sprich bessere Gehälter und anderes mehr. Das heißt, die Politik soll nicht glauben, jetzt ersparen wir uns da was, und jetzt geben wir es irgendwo anders hinein. Also das passiert hoffentlich nicht. Es muss im System bleiben, denn wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und da spreche ich von Ärztinnen und Ärzten, von der Pflege und allen anderen – müssen ja auch etwas davon haben. Wir arbeiten jetzt schon am Limit. Und daher erhoffen wir uns, als einen Effekt einer ausgebauten Tagesmedizin, bessere Arbeitsbedingungen“, sagt Maldonado-González.

Best Point of Service
Für den GÖG-Chef Herwig Ostermann bringt die „Ambulantisierung für alle Beteiligten Vorteile im System, wenn man sie konsequent lebt“ und wenn man die Strukturen schafft, die dafür notwendig sind. Außerdem bringe die Ambulantisierung viele Vorteile. „Und wenn man das zusammennimmt, dann haben wir im Kern natürlich schon ein revolutionäres Potenzial in der Versorgung“, sagte Ostermann.

Für Jan Pazourek, Büroleiter des Dachverbands der Sozialversicherungsträger, gehe es bei der Ambulantisierung um den „Best Point of Service“: Dass also die Patientinnen und Patienten dort behandelt werden sollen, wo es aus Sicht der Medizin und aus Sicht der Ethik und Ökonomie am klügsten ist. Für die Ambulantisierung sei aber, laut Pazourek, noch einiges zu tun: Sie ziehe nämlich wahnsinnig viele Weichenstellungen nach sich. Daher: „Die Ambulantisierung ist zwar in vollem Gange, aber wir schauen noch zu wenig auf die Rahmenbedingungen, damit das auch gut gelingen kann“, sagte Pazourek.

Keine Alternative zur Ambulantisierung und zur Gestaltung der Rahmenbedingungen sieht Richard Gauss, Abteilungsleiter Strategische Gesundheitsversorgung der Stadt Wien sowie Geschäftsführer des Wiener Gesundheitsfonds: „Ambulantisierung ist kein Trend – sie ist eine Realität, die wir entweder gestalten können oder erleiden müssen.“ Um die Potenziale der Ambulantisierung vor allem auch im Bereich der Chirurgie zu heben, gebe es noch eine Menge Nachholbedarf. „Tagesmedizin ist ein internationaler Trend, den wir auch im Bereich der Chirurgie berücksichtigen sollten. Denn hier sind wir in Österreich Schlusslicht in Europa“, sagte Benjamin Glaser, Präsidialreferent der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Und er ergänzte: „Wenn man ins Ausland schaut, dann ist den Leuten klar, dass ambulantisierte Medizin beziehungsweise Tagesmedizin keine mindere Medizin ist, sondern eine anders organisierte, moderne Medizin. Wie äußert sich denn der medizinische Fortschritt? Der medizinische Fortschritt äußert sich meiner Meinung nach nur in der Ambulantisierung.“

Nicht ohne Expertise der Kammer
Besonders wichtig sei vor allem der Umstand, dass „die Ambulantisierung nicht ohne die Expertise der Kammer für Ärztinnen und Ärzte“ kommen und voranschreiten könne, sagte Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident und Kurienobmann der angestellten Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Denn die Expertise liege genau bei der Kammer und bei den Ärztinnen und Ärzten und die müsse in die kommenden Gespräche einfließen.

 

 

„Wenn Leistungen aus den Spitälern an den niedergelassenen Bereich ausgelagert werden, dann muss die Ambulantisierung dort - bei den Ordinationen starten. Und auch dort muss die Finanzierung beginnen.”