Bei medizinischen und gesundheitspolitischen Entscheidungen muss die bestmögliche Versorgung der Bevölkerung im Mittelpunkt stehen – nicht ökonomische oder bürokratische Logiken. Das betonte Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, zum gesundheitspolitischen Ausblick 2026 im Rahmen der Jahresauftakt-Pressekonferenz.
Zentrale Aufgaben für heuer sind die Schließung von Versorgungslücken im Kassenbereich, die Modernisierung und gendergerechte Weiterentwicklung der Vorsorgeuntersuchungen sowie die Attraktivierung von Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in Spitälern und Ordinationen. Die Kammer wird ihre Expertise weiterhin aktiv in Reformprozesse, Gesetzesbegutachtungen und politische Verhandlungen einbringen und fordert eine stärkere Einbindung der Ärzteschaft, etwa in Zielsteuerungskommissionen. Eine wirksame Patientenlenkung nach dem Prinzip „Best Point of Care“ sei ohne ärztliche Expertise nicht umsetzbar.
Drei Themen im Fokus
„Frauen in der Medizin“ ist eines der drei Themen, die für die Kammer besonders im Fokus stehen. Eine repräsentative Studie soll die Bedürfnisse von Medizinstudentinnen und Ärztinnen beleuchten und Grundlage für Maßnahmen zu besseren Ausbildungsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie langfristiger Bindung an den ärztlichen Beruf sein. Dazu zählen Teilzeitmodelle in der Ausbildung, Kinderbetreuung auch am Wochenende und familienfreundlichere Kassenmodelle.
Ein weiterer Themenschwerpunkt widmet sich dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. KI kann Diagnostik, Therapie und Administration sinnvoll unterstützen und Ärztinnen und Ärzte entlasten, muss aber unter klaren Rahmenbedingungen und mit ärztlicher Mitgestaltung eingesetzt werden. Außerdem macht die Kammer den Bürokratieabbau zum Thema. Derzeit wenden Ärztinnen und Ärzte bis zu einem Drittel ihrer Arbeitszeit für Verwaltung auf. Gefordert wird ein Entbürokratisierungsgipfel sowie konkrete Maßnahmen, um mehr Zeit für Patientinnen und Patienten zu schaffen.
Stärkung des niedergelassenen Bereichs
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Stärkung des niedergelassenen Bereichs und der Ausbau präventiver Angebote. Vorsorgeuntersuchungen sollen modernisiert und geschlechterspezifisch weiterentwickelt werden. Das soll laut Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, ganz oben auf der gesundheitspolitischen Agenda stehen. Vorgeschlagen werden unter anderem eigene Vorsorgeprogramme für Frauen und Männer, der Aufbau eines organisierten Prostatakrebs-Screenings ab 50 Jahren sowie die Aufnahme von TSH-Wert und Eisenstatus in die Vorsorge für Frauen. Zudem sollen Vorsorgelücken bei Kindern und Jugendlichen geschlossen und das Impfprogramm – etwa für Schwangere – ausgeweitet werden. Auch krankenhausentlastende Maßnahmen im niedergelassenen Bereich sind not-wendig, etwa die Kostenübernahme für Infuenza-, Covid-, RSV- und CRP-Tests, um Hospitalisierungen und Antibiotikaresistenzen zu reduzieren.
Spitalsbereich attraktivieren
2026 wird ein Jahr mit großen Herausforderungen für das Gesundheitssystem. „Viel wird gerade über Reformen und Umstrukturierungen im Gesundheitswesen diskutiert, auch die Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien hat Reformvorschläge erarbeitet, um den Gesundheitssektor fit für die kommenden Herausforderungen zu machen“, sagte Eduardo Maldonado-González, Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Im Spitalsbereich stehen bessere Ausbildungsstrukturen im Mittelpunkt: fixe Ausbildungszeiten im Dienstplan, ausbildungsverantwortliche Fachärztinnen und -ärzte, strukturierte Karrierepläne sowie attraktive, marktkonforme Gehälter.
Zusätzlich braucht es mehr administratives Unterstützungspersonal, Digitalisierung zentraler Prozesse, flächendecke Patientendatenmanagementsysteme (PDMS oder elektronische Fieberkurve) und ein zentrales Betten-management mit einem eigenen 24/7-Dienstrad, um eine rasche, unkomplizierte und fachgerechte stationäre Versorgung zu ermöglichen. Abgerundet wird der Ausblick durch den 1. Wiener Medizinischen Kongress im April 2026, der interdisziplinäre Fortbildung, wissenschaftlichen Austausch und zukunftsweisende Themen von Prävention bis KI in den Mittelpunkt stellt.
Infokasten:
Die detaillierte Presseunterlage finden Sie unter: www.aekwien.at/pressekonferenzen