2021, mitten in der Coronapandemie, öffnete das Simulationszentrum an der Klinik Floridsdorf seine Pforten. Im ersten Stock des Spitals beheimatet, richtet es sich mit seinem Angebot an alle, die in der Akutbetreuung tätig sind. Für WIGEV und MedUniWien-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die Kurse sogar kostenfrei. Seit der Gründung zählt man jährlich zwischen 800 und 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in rund 200 Trainings.
Geübt werden Notfälle, Unerwartetes oder schlicht kritische Situationen. Sprich: All das, was den klinischen Alltag im Spital oft so herausfordernd macht. Dabei ist das Training am Patientensimulator essenziell, denn hier können solche Situationen gefahrlos immer und immer wieder trainiert werden. Zur Zielgruppe gehören Ärztinnen und Ärzte genauso wie Pflegekräfte, Hebammen oder Operationsassistentinnen- und assistenten. „Am häufigsten kommen Teilnehmende zu uns, die sich noch in der Ausbildung befinden. Gedacht ist das Angebot jedoch für alle. Gerade vor dem Hintergrund unseres Fachs, das niemals stehen bleibt und sich immer schneller und umfassender weiterentwickelt“, erzählt Anästhesist Bernhard Rössler, der das Zentrum leitet.
Breaking bad news
Über 30 unterschiedliche Simulationstrainings werden hier jährlich angeboten. Sie sind das Herzstück des Zentrums: „Wir haben Angebote von Anästhesie über Intensivmedizin, Pädiatrie und internistischen bis hin zu geburtshilflichen Notfällen. Beliebt sind auch komplexe, gemeinsame Trainings aller beteiligten Berufsgruppen. Man kann dabei Halbtags- oder Ganztagskurse buchen und kommt entweder mit einem Teil seines Teams oder alleine. Und man kann so von anderen Abteilungen lernen. Das heißt, wenn Leute aus unterschiedlichen Häusern da sind, die im selben Bereich tätig sind, dann bringen wir die Menschen und Teams zusammen, damit sie Dinge voneinander lernen können“, so Rössler.

Künstliche Modelle, die beinahe 1:1 Patientinnen und Patienten in den verschiedensten medizinischen Notsituationen darstellen können und mit denen in sicheren Settings geübt werden kann. Fotocredit: Michaela Obermair
Jenseits dieser fachlichen Aspekte geht es im Universitären Simulationszentrum auch viel um non-technical skills. „Wir haben zum Beispiel Teams, die sich einfach ihre eingespielten Kommunikationsabläufe in Notfallsituationen anschauen wollen oder bestimmte Muster in der Zusammenarbeit besser verstehen möchten“, skizziert Rössler weiter. Auch das belastende Thema „Breaking bad news“ in der Patientenkommunikation wird im Skilltraining nicht außen vor gelassen: „Gerade hier, wo es um die Vermittlung lebensverändernder Informationen geht, ist es wichtig, dass man diese Situation möglichst gut und professionell üben kann. Wir arbeiten eng mit Psychologinnen und Psychologen und einem Schauspielerteam für die Patientensimulation zusammen. Es soll Raum für jenes intensive Feedback geben, das im Alltag oft fehlt.“
Ein wesentlicher Schwerpunkt ist selbstredend das Training im fiktiven Schockraum, auf der Intensivstation oder auch nach einem Unfall. Jedenfalls direkt am Menschen. Während wir durch das Zentrum spazieren, fallen auch gleich die unterschiedlichen Simulatoren auf, die in unterschiedlichen Settings positioniert sind. Man könnte auf den ersten Blick annehmen, es wären basale Reanimationspuppen, dabei handelt es sich um echte High-Tech-Geräte: Künstliche High-Fidelity-Modelle, die nahezu 1:1 Patientinnen und Patienten in den verschiedensten medizinischen Notsituationen darstellen können.
Blinzeln und atmen sind dabei nur einige der Basics, die sie im Repertoire haben. Sie können wesentlich mehr, nämlich die Simulation von lebensbedrohlichen Blutungen, Atemwegsschwellungen, einem Pneumothorax, Grand-mal-Anfällen oder pathologischen Herzgeräuschen. Gleich neben den Operations- und Schockräumen gibt es kleinere Bereiche, die sich hinter Glas befinden. „Dort sind unsere Techniker stationiert“, erklärt Rössler den Nutzen der vielen Bildschirme, die dort aufgebaut sind. Während die Teams vor Ort üben und im Training sind, kümmern sie sich darum, dass die künstlichen Patientinnen und Patienten wiederbelebt, beatmetet oder mit unterschiedlichen Medikamenten versorgt werden und dann auch genauso reagieren, wie es ein Mensch tun würde.
Kommunikation als A und O
Die Idee hinter solchen „Nachahmungsszenerien“ ist dabei beileibe keine neue, sondern über 30 Jahre alt. Als Inspiration und Vorbilder dienten etwa Luftfahrtindustrie und Hochleistungssport, erzählt Rössler. Erste Simulationsmodelle sind überhaupt schon vor Jahrhunderten entwickelt worden, man denke zum Beispiel an die Geburtshilfe. „Bestimmte Routinehandgriffe werden natürlich immer wieder eingeübt, man lernt und man trainiert sie.
Der springende Punkt ist aber: Nur weil man die Routine und das Wissen hat, heißt das noch lange nicht, dass man auch weiß, wie das etwa bei einem Notfall anzuwenden wäre und wie man in so einer Situation zusammenarbeitet. Man kann das damit vergleichen, dass der Pilot bei schönem Wetter in ein Flugzeug steigt und Menschen routiniert in den Urlaub fliegt. Bei schlechter Sicht oder wenn das Fahrwerk nicht ausfährt und man solche Situationen nie geübt hat, bin ich als Passagier zu Recht verunsichert und steige nicht guten Gefühls in das Flugzeug“, so Rösslers bildhafte Parallele. „Die Stabilisierung von Patientinnen und Patienten im Schock mit Pulmonalembolie oder ein Herzinfarkt ist eben nichts, was man in der klinischen Praxis üben sollte. Hier spielt die Simulation ihre volle Stärke aus. Kommunikation ist dabei das A und O“, fasst er zusammen.
Ein wesentlicher Teil der Trainings ist deswegen die Nachbesprechung. Das gemeinsame Analysieren, wie man in bestimmten Situationen und unter Druck reagiert, wo man Fehler macht und etwa Informationen nicht weitergibt zum Beispiel. Die Trainings werden aufgenommen, um später im Debriefing mit den Trainerinnen und Trainern die Abläufe genau unter die Lupe zu nehmen. „Da wird dann zum Beispiel besprochen, warum vergessen wurde, für alle im Team zu kommunizieren, dass es eine innere Blutung beim Patienten gab und das der Grund für die Instabilität war. Wir fragen nach Gedankenmodellen und explorieren gemeinsam Lösungsstrategien des Teams. Und wir wissen aus Erfahrung, dass es Leuten unter bestimmten Umständen manchmal einfach noch nicht möglich ist, ihr Wissen und ihre Routine auf den Boden des klinischen Alltags zu bringen“, erzählt Rössler von den Abläufen im Simulationszentrum. Ganz wichtig: Das, was hier aufgenommen und besprochen wird, bleibt auch hier, und zwar vertraglich vereinbart. Keine Führungskraft bekommt Informationen darüber.
Damit will man eine sichere Lernplattform und eine Reflexionsmöglichkeit bieten und zudem eine Vernetzungsmöglichkeit. Bernhard Rössler drückt es so aus: „Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zur Patientensicherheit. Hier lernt man etwas, indem man es spürt. Man erfährt und begreift Dinge und das ist die Stärke der Simulation: Dass man in einem geschützten Setting genau den Ablauf, die Skills und Fertigkeiten lernt und übt, um Patientinnen und Patienten in einem akuten Notfall bestmöglich zu helfen. Und wenn die Leute bei uns sind, dann sind sie auch hundertprozentig hier, trotz der Arbeitsbelastung an ihrem Arbeitsplatz.
Sie wissen das zu schätzen. Hier hört man keine Telefone und Pager, hier ist wirklich Raum fürs Lernen, um so Sicherheit zu schaffen.“ Zu sehen, wie die Kolleginnen und Kollegen sich gemeinsam etwas aneignen und sehr schnell in den Szenarien miteinander richtig gut performen, besser reflektieren und das Gelernte dann auch in ihr Stammhaus mitnehmen und dort anwenden wollen, diese Dinge gefallen Rössler an seinem Job am Besten: „Man merkt richtig, wie da gedanklich etwas passiert, wie neugierig die Teilnehmenden sind und wie begeistert. Und viele kommen nicht nur einmal zu uns, sondern öfter, in unterschiedlichen Konstellationen, mit anderen Kursen, probieren unterschiedliche Dinge aus und lernen jedes Mal etwas Neues. Genau so soll es meiner Meinung nach sein.“
Universitäres Simulationszentrum
Für alle klinisch tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wiener Gesundheitsverbundes und der MedUni Wien sind sämtliche Trainings und Kurse kostenlos buchbar.
Wichtige Fakten auf einen Blick
- Standort: Klinik Floridsdorf, Brünner Straße 68 / Ebene 2A, 1210 Wien
- Fläche: 1.000 m² mit modernster Simulationstechnik
- Buchung: Einzelbuchungen sind möglich. Externe Kolleginnen und Kollegen können bei freien Plätzen ebenfalls teilnehmen (kostenpflichtig).
- Dienstfreistellung (WIGEV): Bitte kümmern Sie sich eigenständig um die Dienstfreistellung bei Ihrer beziehungsweise Ihrem Vorgesetzten.
Kursangebot
Das Simulationszentrum bietet ein umfassendes Kursprogramm für verschiedene Fachbereiche (mit verschiedenen Modulen) und Erfahrungsstufen, darunter:
- Anästhesie, Intensivmedizin, Präkl. Notfallmedizin
- Notfallmedizin, Innere Medizin, Neurologie
- Pädiatrie
- Chirurgische Fächer
- Gynäkologie und Geburtshilfe
- „Train The Trainer“-Kurse
Ausstattung
- Simulationsbereiche für OP, Schockraum, Kreißsaal, Intensiv- und Bettenstation
- Über 30 unterschiedliche Simulationstrainings
- Audio-/Video-Systeme für Analyse und Feedback
Das aktuelle Kursprogramm sowie Informationen zur Anmeldung finden Sie auf der Website:
https://simulation.gesundheitsverbund.at/kurse