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Vorsorge und Früherkennung

Chronische Wunden: Chronisch unterschätzt

Wunden, die nicht heilen, belasten Körper und Psyche. Sie verursachen Schmerzen, schränken die Bewegungsfreiheit ein und führen oft zu sozialem Rückzug. Kathrin Morasek, Mitinitiatorin der Selbsthilfegruppe Chronische Wunden, erzählt im Interview mit Ärzt*in für Wien, dringend mehr Bewusstsein braucht und was die drängendsten Probleme sind.

Eva Kaiserseder
Man sieht eine linke Hand, die mit einem Verband versehen ist, aus dem ein Infusionsschlauch herausragt.
Ein klarer Stopp für die Chronifizierung von Wunden ist eines der Hauptziele der neu gegründeten Selbsthilfegruppe.
Foto: Pixabay / Stefan Schweihofer
„Häufig wird der Fokus vor allem auf die Wunde gelegt, während das Umfeld der Patientinnen und Patienten und damit auch mögliche Ursachen für die Chronifizierung weniger Beachtung findet.“

Eine Wunde wird als „chronisch“ definiert, wenn diese nicht innerhalb von acht Wochen abgeheilt ist oder ihre Ursache in Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus, peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder chronisch venöser Insuffizienz liegt. „Schwer heilende Wunden stellen auch unser Gesundheitssystem vor ökonomische Herausforderungen, dies zeigt ein Blick auf die Zahlen: Rund ein bis zwei Prozent der Wiener Bevölkerung sind laut einer Studie des Instituts für Gesundheitsförderung und Prävention davon betroffen“, so Kathrin Morasek von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. 

Wissenschaftlich valide und umfassende epidemiologische Daten zur Prävalenz und Inzidenz gibt es noch nicht, weshalb diese Erhebung aktuell in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien, der ÖGK und dem Wundzentrum Wien 22 durchgeführt wird. „Angesichts dessen haben wir beschlossen, eine niederschwellig zugängliche Selbsthilfegruppe zu gründen, die von selbst Betroffenen geleitet wird. Erste Treffen gab es bereits. Es geht vor allem darum, Erfahrungen in Gesprächsrunden auszutauschen, sich gegenseitig Tipps zu geben und in Fachvorträgen wertvolles Wissen vermittelt zu bekommen“, erzählt Morasek weiter. Personen, die von einer chronischen Wunde betroffen sind, leiden häufig unter Schmerzen, dem unangenehmen Wundgeruch und Mobilitätseinschränkungen. Diese können sich negativ auf die gesellschaftliche Partizipation und das psychische Wohlbefinden auswirken. 

Augenmerk auf Multimorbidität

Aus der Forschung geht hervor, dass eine zeitnahe Diagnose und eine auf die Ätiologie ausgerichtete Behandlung den Heilungsverlauf deutlich verbessern können. Eine frühe Diagnostik der Grunderkrankung und präventive Maßnahmen sind daher essenziell, um die Heilung zu fördern, schwere Komplikationen wie Amputationen zu vermeiden und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Besonderes Augenmerk sollte älteren Menschen mit Multimorbidität gelten, da diese Bevölkerungsgruppe ein erhöhtes Risiko für Wundheilungsstörungen aufweist. Auch sozioökonomische Benachteiligung ist ein Risikofaktor. In Wien gibt es spezialisierte Wundkliniken sowohl im ambulanten als auch im niedergelassenen Bereich. Kathrin Morasek betont die Bedeutung eines multidisziplinären Ansatzes: „Gerade dieses Thema ist äußerst vielschichtig, neben Pflege und Medizin spielen auch Psychologie, Diätologie, Physio- und Ergotherapie sowie die Sozialarbeit eine zentrale Rolle. 

Ich würde mir wünschen, dass die Zusammenarbeit zwischen diesen Bereichen künftig noch stärker ausgebaut wird. Häufig wird der Fokus vor allem auf die Wunde gelegt, während das Umfeld der Patientinnen und Patienten und damit auch mögliche Ursachen für die Chronifizierung weniger Beachtung findet.“ Es gibt viele Ansatzpunkte, um präventive Maßnahmen zu implementieren. Möglich wären Früherkennungsuntersuchungen im Rahmen eines Gefäßscreening-Programms oder auf individueller Ebene eine frühzeitige therapeutische, diätologische, sozialarbeiterische oder psychologische Unterstützung. Individuell abgestimmte Ernährungspläne, physiotherapeutische Maßnahmen, funktionale Hilfsmittel zur Erleichterung der Aktivitäten des täglichen Lebens und Ansätze wie Case Management und Social Prescribing können hierbei einen wertvollen Beitrag leisten. Auch Ressourcen zur Patientennavigation spielen eine zentrale Rolle. Mit der Website wunde-heilt-nicht.at hat die Ludwig Boltzmann Gesellschaft eine wichtige Informationsplattform für Betroffene geschaffen.

Praktische Tipps im Fokus

Ziel der neu gegründeten Selbsthilfegruppe ist es, praxisnahe und wissenschaftlich fundierte Informationen zu vermitteln sowie durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung das öffentliche Bewusstsein für chronische Wunden zu schärfen – mit dem übergeordneten Anliegen, die Versorgung der Betroffenen nachhaltig zu verbessern. „Wir planen eine Vielzahl an Vorträgen basierend auf Vorschlägen aus der Gruppe, wer eingeladen werden soll“, erklärt Morasek. Neben der verständlichen Vermittlung von evidenzbasiertem Fachwissen steht auch der Austausch praktischer Tipps und persönlicher Erfahrungswerte im Fokus. Besprochen werden sowohl Grundlagen – wie etwa der fachgerechte Verbandswechsel zu Hause – als auch vertiefende Inhalte, etwa zu Risikofaktoren und Ursachen chronischer Wunden. Ziel ist es, gemeinsam zu erarbeiten, wie präventiv gegengesteuert und individuelle Strategien zur Vermeidung einer Chronifizierung entwickelt werden können.

Wo man Hilfe bekommen kann
Auf der Website wunde-heilt-nicht.at macht die Forschungsgruppe Alterung und Wundheilung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) Patientinnen und Patienten auf ihre Möglichkeiten und Rechte in der Behandlung chronischer Wunden aufmerksam. Die Betroffenen sollen einen Leitfaden zu Hintergründen und Behandlungsansätzen chronischer Wunden an die Hand bekommen. Im 22. Bezirk gibt es seit 2019 ein Wundzentrum, in dem chronische Wunden interdisziplinär behandelt werden. Spezielle Wundambulanzen gibt es etwa in der Klinik Landstraße (WIGEV) oder im Göttlichen Heiland (Vinzenz Gruppe).

„Schwer heilende Wunden stellen auch unser Gesundheitssystem vor ökonomische Herausforderungen.“