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Das Lebenswerk der Maria Hengstberger

Im Dienst der Aufklärung

Von Österreich bis Afrika: Die Ärztin Maria Hengstberger hat immer schon bestehende Strukturen hinterfragt, früh neue Wege in der Gesundheitsaufklärung eingeschlagen und dadurch Frauen weltweit zu Expertinnen ihres eigenen Körpers gemacht. 

Stefan Eckerieder
Frau Hengstberger sitzt auf einer Wiese am Boden mit einer anderen Frau, die ein Baby bei sich hat
Frauen ein selbstimmtes Leben zu ermöglichen war Ziel der Entwicklungshilfe Maria Hengstbergers
(c) Maria Hengstberger
"Eine Frau, die zehn Kinder hat, kann ihr Leben nicht mehr selbst bestimmen. Damit einher geht oft Leid, Armut und hohe Kindersterblichkeit."

Maria Hengstberger war noch nie jemand, der sich rasch zufriedengegeben hat. Ihr Antrieb ist und war immer ein tiefer Wunsch, Menschen zur Selbsthilfe zu befähigen. Und zwar nicht durch Bevormundung, sondern durch Bildung und Mitgefühl. „Wer Liebe und Fürsorge von der Gemeinschaft verspürt, gibt diese auch an andere weiter“, sagt sie. Diese Einstellung trägt ihr Lebenswerk. Die heute 84-Jährige blickt auf ein außergewöhnliches Leben zurück – als Ärztin, Aktivistin und Pionierin Das Lebenswerk der Maria Hengstberger Im Dienst der Aufklärung der Aufklärungsarbeit. Geboren in den Kriegswirren des zweiten Weltkrieges, prägte sie früh die aufopfernde Liebe ihrer Mutter. „Weil wir nicht heizen konnten, war ich kurz vor dem Erfrieren“, erinnert sie sich. „Meine Mutter ist regelmäßig durch die Gemeinde gezogen, um Zeitungen zu sammeln, in die sie mich einwickelte. Das hat mich durch den Winter gebracht.“ Diese Erfahrung von Geborgenheit wurde zu ihrer Triebfeder: Sie will anderen helfen, Wärme zu erfahren, im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Der Entschluss, Ärztin zu werden, war bald gefasst. „Ich war mir immer schon wichtig, mich sozial zu engagieren. Als Ärztin konnte ich Menschen unmittelbar helfen.“ 

Wissen um eigenen Körper vermitteln

Ihr Horizont reichte weit über Österreich hinaus. Mit 19 lernte sie ihren späteren Mann Herbert kennen. „Ich sagte zu ihm, dass das mit dem Heiraten nichts werden wird, weil ich in die Entwicklungshilfe gehen möchte. Da meinte er: ‚Na das will ich auch.‘ Also waren wir schon zwei.“ So war die Sache entschieden. Nach ihrem Studium und der Facharztausbildung zur Gynäkologin arbeitete sie im Hanusch-Krankenhaus und in ihrer eigenen Praxis. Ihr Einsatz für Frauen war tief verankert – ob in Wien oder später in Ostafrika, wo sie Ende der 1980er Jahre für die Organisation „Menschen für Menschen“ von Schauspieler und Entwicklungshelfer Karlheinz Böhm nach Äthiopien reiste, um Health Worker in Geburtshilfe und Gynäkologie auszubilden. Dort stieß sie auf ein drängendes Problem: Häufig fehlendes Wissen über Familienplanung. „Eine Frau, die zehn Kinder hat, kann ihr Leben nicht mehr selbst bestimmen. Damit einher geht oft Leid, Armut und hohe Kindersterblichkeit“, sagt die Ärztin. „Die Frauen wussten nicht, wie ihr Zyklus funktioniert. Es gab keine Aufklärung, keine Verhütungsmittel. Nichts.“ Hengstberger entwickelte eine verblüffend einfache, aber höchst wirksame Lösung: Eine Zykluskette aus verschiedenfarbigen Perlen. Jede Perle steht für einen Tag im Zyklus, fruchtbare und unfruchtbare Phasen sind farblich markiert. „So konnten Frauen Tag für Tag sehen, wo sie im Zyklus stehen und selbstbestimmt entscheiden.“

Hengstbergers Zykluskette zeigt anschaulich fruchtbare und unfruchtbare Tage. (c) Maria Hengstberger

Kleine Tools mit großer Wirkung

Es blieb nicht bei der Kette. Mit einer Stoffvulva zeigte sie, wie Genitalverstümmelung Körper und Seele zerstört. „Die Frauen wollten das Modell zuerst gar nicht angreifen“, erzählt sie. „Um ihnen die Scheu zu nehmen sagte ich: Das ist ein Organ wie das Ohr. Wenn du eine Verletzung hast, lässt du dich ja auch behandeln. Die Klitoris ist Teil des Körpers und sie darf nicht einfach abgeschnitten werden.“ Aus diesen Anfängen entstand der Verein „Aktion Regen“. Hengstberger schulte sogenannte „Rain Worker“, Ortsansässige, die das Wissen in ihre Gemeinden trugen. Heute sind es über 1.000 ausgebildete Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in zahlreichen Ländern Afrikas. „Unsere Strategie ist es, mit bestehenden Strukturen zu arbeiten. Nur gemeinsam kann man wirklich Großes erreichen.“ Um die Organisation zu finanzieren, setzte sie auf Eigeninitiative und Einfallsreichtum. „Ich bin zur Landwirtschaftskammer gegangen und habe Vorträge über Frauengesundheit angeboten – kostenlos, aber mit der Bitte um Spenden.“ Das Konzept ging auf. „Biete Wissen gegen Spende“, nennt sie es. Heute gibt es zahlreiche Dauerspenderinnen und -spender. Auch in Österreich war Hengstberger eine Vorreiterin. Die Initiative, blinde Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung auszubilden, geht auf ihre Idee zurück. Heute ist sie Teil des international anerkannten Programms „Discovering Hands“.

Mit einfachen Mitteln hat Hengstberger Großes bewirkt. (c) Maria Hengstberger

Prävention in Österreich im Blick

Ein zentrales Prinzip ihrer Arbeit ist der Dialog – nicht nur im Arzt-Patienten-Verhältnis, sondern auch innerhalb der Gesellschaft. „Nur wer zuhört, kann wirksam helfen.“ Ob bei Dorfversammlungen in Afrika oder Vorträgen in Österreich: Hengstberger legt Wert darauf, dass Fragen gestellt, Ängste geäußert und Wissen gemeinsam erarbeitet wird. Inzwischen reist die pensionierte Ärztin zwar nicht mehr nach Afrika, aber ihr Engagement ist ungebrochen. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Projekt – der „Schutzhaus-Fibel“, einem innovativen Vorsorgefragebogen, der sowohl Patientinnen und Patienten als auch Ärztinnen und Ärzten hilft, gesundheitliche Risiken frühzeitig zu erkennen. „Der Körper flüstert, bevor er schreit“, sagt sie. „Und dieses Flüstern kann man mit dem von mir entwickelten Fragebogen hören.“ Hengstbergers Tatendrang ist unermüdlich. „Ich möchte noch so viele Ideen umsetzen und noch viele Vorträge halten“, sagt sie. Ihr Ziel bleibt dasselbe: Menschen mit Wissen, Empathie und praktischen Werkzeugen zu stärken. 

"Die Frauen wussten nicht, wie ihr Zyklus funktioniert. Es gab keine Aufklärung, keine Verhütungsmittel. Nichts."