Ärzt*in für Wien: Wie hat sich die Strahlentherapie in den vergangenen Jahren technisch weiterentwickelt?
Reim: In den letzten Jahren hat die Digitalisierung unsere Arbeit grundlegend verändert. Wir arbeiten als Referenzklinik eng mit Geräteherstellern zusammen, um Innovationen voranzutreiben – etwa im Bereich Atemtriggerung und Künstlicher Intelligenz. Für die Therapieplanung stehen uns hochauflösende CT‑ und drei Tesla‑MRT‑Geräte zur Verfügung. Auf Millimeterebene können wir heute Risikoorgane automatisch konturieren lassen: Früher mussten Ärztinnen und Ärzte jede Schicht selbst einzeichnen, heute übernimmt das eine immer besser werdende KI‑Software. Ärztinnen und Ärzte prüfen nun nur noch die Ergebnisse. Damit bleibt mehr Zeit, um sich um Patientinnen und Patienten zu kümmern. Auch ein Oberflächenscanner optimiert die tägliche Lagerung der Patientinnen und Patienten, und ein Gesichtserkennungssystem verhindert Verwechslungen. All das erhöht die Präzision der Bestrahlung und verringert Nebenwirkungen erheblich.
Ärzt*in für Wien: Was zeichnet die Radioonkologie in der Klinik Donaustadt aus?
Reim: Die Klinik Donaustadt wurde umfassend neu gebaut und sukzessive erweitert. Heute verfügen wir über vier Linearbeschleuniger mit hochpräzisem Zusatzequipment wie dem ExacTracDynamic‑ oder CRAD-System. Damit können wir etwa bei linkseitigem Brustkrebs die Bestrahlung exakt während einer Atemanhaltephase in tiefer Inspiration durchführen, wenn der Abstand zum Herzen optimal ist. Begleitende Systemtherapien – Strahlentherapie und Chemotherapie am gleichen Ort – sowie die interne onkologische Betreuung ermöglichen nahtlose Behandlungspfade, ohne Termine mit anderen Abteilungen abstimmen zu müssen. Derzeit behandeln wir im Jahr rund 2.000 Patientinnen und Patienten. Das Gesamtinstitut ist in Vollauslastung auf maximal 2.400 ausgelegt.
Ärzt*in für Wien: Inwiefern konnten durch diese Entwicklungen die Heilungschancen und Behandlungsdauer verbessert werden?
Reim: Dank der Hochpräzisionstherapie müssen Tumordosen heute nicht mehr auf viele kleine Fraktionen verteilt werden. Bei Brustkrebs zum Beispiel reichen statt früher fünf bis sieben Wochen Bestrahlung oft nur noch drei bis vier Wochen – in Einzelfällen sogar nur eine Woche. Das führt nicht nur zu deutlich verkürzten Wartezeiten und Behandlungszyklen, sondern dank geringerer Nebenwirkungen auch zu einer höheren Lebensqualität während der Therapie. Unsere moderne Ausstattung ermöglicht die Hochpräzisionsradiotherapie/Stereotaxie, wodurch wir zielgenau die Tumorzellen treffen bei gleichzeitiger Schonung der umliegenden Organe.
Ärzt*in für Wien: Welche Rolle nimmt die Strahlentherapie heute im Gesamtkonzept der Tumorbehandlung ein – insbesondere im Vergleich zu anderen Therapieformen?
Reim: In der Öffentlichkeit halten sich hartnäckig Mythen: Strahlentherapie sei gefährlich und schade mehr, als sie nütze. Tatsächlich heilen wir mit Strahlen – und das heute ausgesprochen gut. Die Strahlentherapie spielt eine zentrale Rolle in der Tumorbehandlung. Während in den Medien Schlagzeilen meist über Fortschritte in Immuntherapie oder Antiköper‑Therapie erfolgen, werden die Fortschritte in der Strahlentherapie allerdings meist zu wenig betont. Dabei sind die Effektivität und Sicherheit dieser Therapieform heute so hoch wie nie.
Ärzt*in für Wien: Warum gilt Radioonkologie als Mangelfach und was müsste sich ändern?
Reim: Die Tagesklinik‑Organisation in unserem Haus ohne Wochenend‑ oder Nachtdienste und die Möglichkeit für Teilzeitarbeit macht die Radioonkologie in der Klinik Donaustadt als Arbeitgeber sehr attraktiv. Dennoch sind nicht alle Planstellen in unserer Abteilung besetzt. Im Medizinstudium wird Radioonkologie kaum unterrichtet, sodass es zum Teil zu wenig Wissen um das Fach unter angehenden Ärztinnen und Ärzten gibt. Der Ärztemangel führt auch dazu, dass teilweise zu wenige Ausbildnerinnen und Ausbildner zur Verfügung stehen. Zugleich verlieren wir immer wieder Kolleginnen und Kollegen ins Ausland, weil in anderen Ländern oft höhere Gehälter bezahlt werden. Um im Wettbewerb um die besten Köpfe bestehen zu können, brauchen wir unter anderem eine stärkere Berufs‑ und Studienwerbung. Deshalb versucht die ÖGRO (Österreichische Gesellschaft für Radioonkologie) mit ihren Summer Schools und Informationsveranstaltungen Einblicke in das spannende Fach der Radioonkologie zu geben. Notwendig wären aber auch stärkere Anreize in den Gehaltschemata. Denn im Gegensatz zu anderen Fächern ist eine Niederlassung in der Strahlentherapie wegen des hohen Geräteaufwandes kaum möglich.