Von David Hell
Ärzt*in für Wien: Sie sind gerade in einer Lehrpraxis in Wien. Woher kam der grundlegende Entschluss, Ärztin zu werden?
Johari: Schon als kleines Kind wollte ich Ärztin werden. Zuerst Prinzessin, dann Ärztin (lacht).
Ärzt*in für Wien: Haben Sie sich gleich für die Allgemeinmedizin entschieden?
Johari: In Bukarest habe ich Humanmedizin studiert und dort auch mit der Ausbildung im Fach Infektiologie begonnen. In der Zeit lernte ich meinen Mann kennen, der Österreicher ist, und so beschloss ich, nach Wien zu ziehen. Meine Ausbildung habe ich dann in Wien komplett neu begonnen und gesehen, dass die Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner eigentlich sehr viel machen können und die Möglichkeiten sehr vielfältig sind. So habe ich mich entschieden, mit der Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin zu starten.
Ärzt*in für Wien: Wie gefällt Ihnen die Ausbildung in der Lehrpraxis?
Johari: Die gefällt mir ausgezeichnet. Durch die Lehrpraxis kann ich wertvolle Erfahrung sammeln und genau sehen, wie meine künftige Arbeit aussehen wird. Denn ich möchte gerne eine Hausarztpraxis übernehmen. Die Lehrpraxis absolviere ich seit Anfang November 2025 bei Dr. Hamid Schirasi-Fard. Ich bin zwar noch im 6-Monats-Modus, aber ich finde es gut, dass die Lehrpraxis auf neun und dann auf 12 Monate erweitert wird. Man kann so viel lernen und es erleichtert den Einstieg, wenn man selbst eine Ordination eröffnen oder übernehmen möchte.
Ärzt*in für Wien: Sie haben ja auch die Basisausbildung in einem Spital gemacht. Warum wollten Sie nicht im Spital bleiben?
Johari: Im Spital ist es auch spannend, aber ganz anders. Man ist einem eigenen Rhythmus unterworfen, den man nicht selbst bestimmen kann. Alle Notfälle sind immens wichtig und dringend. Alles muss jetzt im Augenblick geschehen und erledigt werden. Das ist in einer Hausarztpraxis doch ganz anders und entspannter. Auch wenn es natürlich stressige Momente gibt, vor allem bei Grippewellen. Aber Medizin bedeutet weit mehr als nur Herzinfarkte und Krebs.
Ärzt*in für Wien: Konnten Sie auch schon hinter die wirtschaftliche Fassade einer Praxis blicken?
Johari: Ja, mein Lehrpraxisinhaber ist wie ein offenes Buch. Ich sehe, was wirtschaftlich in einer Ordination passiert und was alles tatsächlich kostet. Im Spital achtet man gar nicht darauf, weil das auch gar nicht die Aufgabe ist. In einer Ordination müssen alle Ausgaben, von der Reinigung, vom Papier für den Drucker, Strom, Mitarbeiter und Miete berücksichtigt werden. Und damit muss man möglichst gut haushalten. Tut man das nicht, schneidet man sich ins eigene Fleisch.
Ärzt*in für Wien: Wissen Sie schon, ob Sie eine Kassen- oder eine Wahlarztordination betreiben möchten?
Johari: Auf jeden Fall eine Kassenordination. Schon nach kurzer Zeit in der Lehrpraxis habe ich das gewusst. Es gefällt mir sehr gut und ich habe sehr früh sehen können, dass das genau das richtige für mich ist.
Ärzt*in für Wien: Welche Vorteile hat die Lehrpraxis noch?
Johari: In der Basisausbildung im Spital waren wir fünf bis sechs Turnusärztinnen und Turnusärzte auf einer Station. Hier in der Lehrpraxis bin ich die Einzige, kann alle Fragen stellen und bekomme auf alles eine Antwort. Diese Unterweisung und Unmittelbarkeit in der Ausbildung sind unbezahlbar.
Ärzt*in für Wien: Für viele ist auch das Einkommen wichtig. Können Sie schon abschätzen, wie viel Sie künftig verdienen werden und ob das okay ist?
Johari: Auch da hat sich mein Lehrpraxisinhaber mit größter Offenheit gezeigt. Ich weiß sehr genau, womit ich einkommensmäßig künftig rechnen kann und das ist für mich sehr in Ordnung. Es ist auch einer der wenigen Berufe, wo es in Bezug auf Gehälter hoffentlich überhaupt keinen Unterschied ausmacht, ob man eine Frau oder ein Mann ist.
Ärzt*in für Wien: Worauf freuen Sie sich am meisten im künftigen Praxisalltag?
Johari: Am allermeisten freue ich mich auf die langjährige Begleitung meiner Patientinnen und Patienten. So wie es auch der neue Titel Allgemeinmedizin und Familienmedizin zum Ausdruck bringt. Es ist eine medizinische Begleitung von der Geburt bis zum Lebensende. Man kann Vertrauen zu seinen Patientinnen und Patienten aufbauen und hat dabei eine große Verantwortung.
Ärzt*in für Wien: Fühlen Sie sich ausreichend informiert und gewappnet für die Eröffnung einer eigenen Ordination?
Johari: Einigermaßen, ja. Aber nur aufgrund der Zeit in der Lehrpraxis. Es wäre schon gut, wenn man einige Dinge vorher schon wüsste – was etwa die rechtliche Situation betrifft, welche IT-Infrastruktur man benötigt, wie man eine Ordination finanziert oder wie der Alltag in einer Ordination so abläuft. Das könnte vielen die Scheu vor der eigenen Ordination nehmen und mehr zur Allgemeinmedizin bringen. Es ist einiges zu berücksichtigen, aber wenn man einen Plan hat, ist der Aufwand überschaubar. Und ich hatte auch Glück mit meiner Lehrpraxis.
Ärzt*in für Wien: Gibt es Themen, wo Sie sich denken, das wird schwierig?
Johari: Was mich ein wenig unsicher macht, ist die Patientenbetreuung, wenn man ganz allein ist. Im Spital kann man Kolleginnen und Kollegen fragen, oder alle möglichen Untersuchungen anordnen. Aber in der Praxis hat man die Möglichkeit nicht. Man muss wirklich wissen, was kann ich tun und wie kann ich das begründen? Ich gehe aber davon aus, dass sich das Problem mit Erfahrung und Selbstvertrauen legen wird.
Ärzt*in für Wien: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?
Johari: Nach meiner Prüfung im Jänner werde ich mit der Lehrpraxis im April 2026 fertig sein. Mein Plan ist es, zuerst mit Vertretungen ein paar wertvolle Punkte für die Ordinationsbewerbung sowie Erfahrung zu sammeln, um mich dann für eine Kassenordination zu bewerben. Darauf freue ich mich schon sehr.
Information
Eine Lehrpraxis ermöglicht Kolleginnen und Kollegen in Ausbildung auch außerhalb des Krankenhauses beziehungsweise eines Ambulatoriums Erfahrung zu sammeln. Die Lehrpraxis bietet die Gelegenheit, mit dem jeweiligen Arbeitsgebiet direkt vor Ort in Berührung zu kommen und gibt die Chance das Spektrum, die Arbeitsbedingungen der freien Praxis sowie das Kassensystem kennen zu lernen. Weiters steht in der Lehrpraxis niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für einen Lehrpraktikanten zur Verfügung, wodurch ein optimaler Austausch gewährleistet werden kann.
Sämtliche Informationen zum Thema Lehrpraxis finden Sie auf der Website der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien:
https://www.aekwien.at/lehrpraxis