Ein Arzt als Schriftsteller

„Das Schreiben ist für mich ein privater Rückzugsort“

Der Linzer David Fuchs ist Palliativmediziner und Schriftsteller. Beides lebt er mit Verve und Freude. Warum Humor ein wesentlicher Teil seines Brotberufs ist, wie sich sein Schreibstil entwickelt hat und wo sich seine beiden Lebenswelten treffen, erzählt er im Gespräch mit Ärzt*in für Wien.

Eva Kaiserseder
Mann mit Brille steht vor Bücherwand
Der Palliativmediziner und Schriftsteller David Fuchs bewegt sich zwischen den Welten Spital und Literatur.
Haymon_Verlag Fotowerk Aichner

Unaufgeregte Stimme, ruhiger Tonfall. Der Linzer Arzt und Schriftsteller David Fuchs klingt am Telefon maximal entspannt, dabei hat er einen Beruf, der das exakte Gegenteil davon ist. Als Palliativmediziner begleitet er Menschen in der finalen Phase ihres Lebens. Dieser Beruf ist allerdings nicht seine einzige Passion. Fuchs schreibt nämlich, seit er ein Teenager ist.
Kurze Texte, Lyrik und schließlich auch Romane. 2014 hat er damit begonnen, das Geschriebene zu veröffentlichen und mit einem Auszug aus seinem ersten Buch „Bevor wir verschwinden“ gleich den FM4 Literaturpreis „Wortlaut“ gewonnen. Teils spielen die Bücher im Spitalssetting, aber nicht ausschließlich. Dass er Arzt geworden ist, war weniger naheliegend als die Schriftstellerei. „Eigentlich wollte ich Informatik studieren. In meinem Zivildienstjahr als Sanitäter habe ich allerdings festgestellt, wie cool Medizin eigentlich ist“, erzählt Fuchs. Trotz seiner Beobachtungsgabe und Detailverliebtheit zeichnen sich seine Bücher sprachlich durch spartanische Knappheit aus: „Ich habe mich dafür ganz bewusst entschieden. Sobald es eine Rohfassung des Textes gibt, wo es nicht mehr um die Handlung, sondern um die Sprache geht, markiere ich mit unterschiedlichen Farben alle Adjektive, Adverbien und Füllwörter. Dann klopfe ich ab, ob diese Wörter für den Text relevant sind oder ob das, was ich sagen möchte, auch ohne diese Worte klar sein sollte. Auch ausufernde,
weite Sprache hat ihre Daseinsberechtigung, aber ich denke, es soll so gewollt sein und nicht nur passieren.“ 

Mehr als „nur“ Sterbebegleitung 

David Fuchs´ medizinische Laufbahn war anfangs von großem Interesse für die Anästhesie geprägt. „Dabei habe ich aber schnell festgestellt, dass der OP-Saal kein Ort für mich ist“, erzählt er. Zudem sei er ein Mensch, der Patientinnen und Patienten gerne über einen längeren Zeitraum begleitet und eine Beziehung zu ihnen aufbaut. „Es ist ein Privileg für mich, an Punkten im Leben zu arbeiten, die für die Patientinnen und Patienten extrem entscheidend sind. Dadurch entstehen viele Situationen, die weder alltäglich noch selbstverständlich sind“, fasst er seine hundertprozentige Entscheidung für die Palliativmedizin nach zehn Jahren, in denen er parallel als Onkologe gearbeitet hat, zusammen. Seit fünf Jahren leitet er die Palliativstation bei den Barmherzigen Schwestern in Linz.„Das Schöne an meinem Beruf ist, dass man komplett multiprofessionell, teamfähig und auf Augenhöhe arbeitet. Wir machen niemanden gesund, aber Ursache und Wirkung liegen bei uns extrem nahe beisammen und unser Tun ist schnell sichtbar, spürbar und wenig abstrakt“. Und Palliativmedizin ist wesentlich mehr als Sterbebegleitung: Seit mehr als 15 Jahren ist gut erforscht, dass sie möglichst früh im nicht heilbaren Krankheitsverlauf eingesetzt, extrem sinnvoll ist, sagt Fuchs. Diese zeitgerechte Zusammenarbeit bringt Vorteile für die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten, aber auch für Therapieziele und nicht zuletzt auch für die Behandlungsteams. 

Persönliche Geschichten

Ob und in welcher Form sich die beiden Welten, Schriftstellerei und Spitalsmedizin ergänzen oder begegnen würden? Das beantwortet Fuchs nach kurzem Nachdenken mit einem Vergleich: „Das Romanschreiben lebt davon, wie man eine Erzählstruktur aufbaut, einen roten Faden hält und Figuren gestaltet. Patientinnen und Patienten erzählen ja auch ihre persönliche Geschichte, mit einer ganz eigenen Dramaturgie, Höhepunkten, Anfängen und Enden. Die Tatsache, dass ich Bücher schreibe, eröffnet mir als Arzt mit meinen Patientinnen und Patienten manchmal gänzlich neue Gesprächsebenen. Aber grundsätzlich bin ich sehr froh, dass sich diese beiden Bereiche nicht unmittelbar berühren.“ Das Spital sei ein Platz, wo man viel unter Menschen sei, permanent im Außen, das Schreiben eine völlig andere Baustelle, ein privater Rückzugsort. 

Im Flow abseits des Jobs 

Was für ihn essenziell ist bei aller Freude, mit der er seinen Beruf im Krankenhaus ausübt: Genügend Distanz zur Arbeit. Das Sterben ginge nicht spurlos an einem vorüber, man müsse gut auf sich achtgeben, sagt er. „Ich sammle und restauriere zum Beispiel alte Füllfedern und verliere mich darin. Solche Strategien, um in einen Flow abseits des Jobs zu kommen, sind wichtig, denn unsere Arbeit ist sehr fordernd. Zum Glück ist unser Team sehr niederschwellig aufgestellt, wenn es um Unterstützung geht. Abseits von Supervision ist es im Arbeitsalltag völlig normal, auch einmal wo zu sitzen und zu weinen. Und zu seinen Kollegen zu sagen, du, gerade ist mir das so nahegegangen, ich brauche eine Pause“, betont er die Wichtigkeit von Zusammenhalt und Durchlässigkeit. Etwas, das man in solch einem Setting wenig vermutet, aber viel Raum bekommt: Lachen. „Grundsätzlich halte ich Humor für sehr entlastend. Nicht nur im Palliativbereich, sondern im gesamten Gesundheitswesen ist das ein wichtiger Faktor“, skizziert Fuchs seine Haltung dazu. Auch beim Schreiben merkt man seinen Büchern eine teils absurde und fein ziselierte Situationskomik an. Neben der Belletristik ist Fuchs seit Langem der Lyrik zugetan. „Ich schreibe allerdings nie an beidem gleichzeitig. Lyrik ist für mich Vieldeutigkeit. Wenn man als Leser seine eigenen Interpretationen finden kann, die gar nicht unbedingt etwas mit den Absichten des Autors zu tun haben müssen. Lyrik ist Sprachkunst.“ Zu seinen Lieblingspoeten gehören Paul Celan, „weil er eine Sprache hat, die man niemals ganz verstehen kann“, und Lutz Seiler, der durch „Kruso“ einem breiteren Publikum auch als Romancier bekannt wurde. Wohin die Reise mit seinen eigenen Büchern gehen wird? „Das Buch, an dem ich gerade schreibe, hat auf jeden Fall keinerlei Bezug zum Spital, sondern beschäftigt sich mit den kleinen und großen Lebenstragödien im Mikrokosmos einer speziellen Wohnsiedlung,“ wirft das nächste Werk seine Schatten. Die beiden Welten, in denen er sich bewegt, werden sich also auch weiterhin die Waage halten. 

„Grundsätzlich halte ich Humor für sehr entlastend. Nicht nur im Palliativbereich, sondern im gesamten Gesundheitswesen ist das ein wichtiger Faktor."
„Die Tatsache, dass ich Bücher schreibe, eröffnet mir als Arzt mit meinen Patientinnen und Patienten manchmal gänzlich neue Gesprächsebenen."