Medicare lautet das zentrale Schlüsselwort im australischen Gesundheitssystem, dessen Herzstück es auch ist. So heißt nämlich die dortige gesetzliche Krankenversicherung, die aus Steuermitteln finanziert wird. Zusätzlich liegt der Beitrag bei zwei Prozent des zu versteuernden Einkommens. Damit werden alle Kosten für die Behandlungen in öffentlichen Spitälern abgedeckt und auch vieles außerhalb, seien es ärztliche oder manche physiotherapeutische Leistungen.
„Oft assoziieren die Menschen Australien automatisch mit anderen englischsprachigen Ländern wie Großbritannien oder den USA, aber es ist ein ganz eigenes System. Der große Unterschied besteht darin, dass jeder australische Staatsbürger und ‚permanent resident ’ automatisch krankenversichert ist. In Österreich ist die Krankenversicherung hauptsächlich an die Erwerbstätigkeit gekoppelt. Wer eine e-Card hat, hat keine Probleme. Aber es gibt zunehmend Menschen ohne e-Card, ich erlebe das selbst in meiner eigenen Ordination nicht selten, und da wird es schwierig“, erzählt Lawrence Wapnah im Interview. Der australische Allgemeinmediziner, der sich auch auf Diabetes spezialisiert hat, lebt seit fast 13 Jahren mit seiner Frau, der Internistin und Neurologin Edith Kohler, in Österreich.
Beide haben lange in Australien gearbeitet und sind mit dem System bestens vertraut. Beim gemeinsamen Vortragsabend der beiden in der Kammer vergangenen November kristallisiert sich sehr deutlich heraus: In vielem gibt es Parallelen, aber einige Dinge sind aufgrund der mitunter geringen Bevölkerungsdichte und der Weite Australiens im Outback zwangsläufig ganz anders als im österreichischen Gesundheitssystem. Die Mehrheit der Menschen lebt jedoch in den Großstädten, wo Vergleiche möglich sind.
Staatliches System mit starken privaten Ergänzungen
Grundsätzlich gilt das australische Gesundheitssystem durchwegs als sehr niederschwellig zugänglich. Man kann sich dieses System ähnlich wie in Österreich als Mischform aus staatlicher und privater Versicherung vorstellen, wobei Medicare als zuverlässig mit hohen Standards im internationalen Vergleich gilt. Mehr als die Hälfte aller Australierinnen und Australier (54,9 Prozent) haben laut aktuellen Zahlen aber trotzdem eine private Gesundheitsversicherung. Wapnah und Kohler sehen den wachsenden Anteil an Privatkrankenhäusern beide mit einer gewissen Skepsis, denn „gerade chronische Leiden wie Diabeteskomplikationen, Demenz oder Arthritis bei einer Bevölkerung, die Gott sei Dank immer länger lebt, sind für private Häuser einfach nicht attraktiv genug, was den Umsatz angeht. Das ist allerdings ein Problem der gesamten westlichen Welt.“
Ärztemangel gibt es in den australischen Ballungsräumen kaum bis keinen und die Ärztedichte ist im internationalen Durchschnitt relativ hoch. Sie liegt statistisch laut WHO-Zahlen bei 4,1 Ärztinnen und Ärzten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohnern (im Vergleich: Österreichs Wert ist 5,5). Die Bezahlung liegt dabei übrigens im deutlich höheren Bereich als hierzulande. Dabei hatte man in der Vergangenheit durchaus mit einem Medizinermangel zu kämpfen und musste viel medizinisches Personal aus dem Ausland holen. Woran das australische Gesundheitswesen aber nach wie vor krankt, ist die ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten. Eine Problematik, die im internationalen Vergleich ebenfalls gut bekannt ist.
Ausbildung mit sehr hohem Anspruch
Was die ärztliche Ausbildung betrifft: Sie ist extrem anspruchsvoll, das Studium sehr intensiv und praxisorientiert, erzählt Edith Kohler. „Man studiert entweder sechs Jahre oder bei einem anderen bereits abgeschlossenem Universitätsdiplom vier Jahre lang fast ohne Ferien und nach einer schwierigen Eintrittsprüfung. Dann beginnt man im Spital als Intern, was in etwa unserem Turnusarzt im ersten Jahr entspricht. Dazu gehört die klinische beziehungsweise medizinische Rotation. Extrem wichtig ist dabei, dass man auch ins sogenannte Emergency Department kommt, denn Emergency Medicine ist dort ein eigenes Fach. Danach ist man Resident Medical Officer und muss sich entscheiden, in welche Richtung man geht: Interne, chirurgisch oder in die Allgemeinmedizin. Der nächste Schritt ist dann das, was bei uns mit einem Assistenzarzt gleichzusetzen wäre, in Australien ein Registrar.
Und am Ende der fachärztlichen Ausbildung ist man ein Advanced Registrar“, erklärt sie das System. Die fachärztlichen Prüfungen sind dabei berüchtigt für ihren Schwierigkeitsgrad, denn trotz jahrelangen intensiven Studiums bestehen im Durchschnitt nur 70 Prozent die jährlichen fachärztlichen Prüfungen. Ein großer Grad an Verantwortung sei jedenfalls von Anfang an gegeben, die Studierenden werden zwar gefordert, aber auch gefördert. „Das Leben als Assistenzarzt ist mit langen Arbeitstagen, hohem Einsatz und schwierigen, großen Prüfungen verbunden, das Leben als Facharzt ist allerdings durchaus angenehmer und flexibler gestaltet als in Österreich. Des Weiteren gibt es vor allem bei den nicht-chirurgischen Fächern viel weniger Hierarchie und oft auch einen faireren Wettbewerb als im österreichischen Gesundheitssystem“, so Kohlers Fazit.
Breit gefächerte Kenntnisse nötig
Die ärztliche Profession an sich zeichnet sich unter anderem durch die große Bedeutung der Hausärztinnen und Hausärzte aus. Wer dort in der Allgemeinmedizin arbeitet (übrigens längst ein eigenes Fach), heißt General Practioner, und dieser Ausdruck trifft den Nagel auf den Kopf: Das Aufgabengebiet der GPs ist nämlich dementsprechend breit gefächert. Von Geburten über Diabetesberatung oder hustende Kinder decken sie fachlich sehr vieles und das bunt gemischt ab. Der maximal abwechslungsreiche Alltag von Ärztinnen und Ärzten in der Niederlassung, vor allem in den ländlichen Gebieten, zeichnet sich durch eine zusätzliche Besonderheit aus: In Australien wird hauptsächlich in Gemeinschaftsordinationen gearbeitet.
„Mehrere Ärztinnen und Ärzte, Teilzeit und Vollzeit gemischt, arbeiten in solchen Ordinationen. In den meisten Fällen ist außerdem mindestens eine Krankenschwester angestellt, die deutlich mehr Befugnisse hat als die Krankenschwestern in Österreich. Das ist ein zusätzlicher Umsatzbringer“, erzählt Wapnah. Inkludiert sind dabei etwa Impfungen von Erwachsenen und Kindern oder Wundmanagement. Er selbst hat im Outback als „Remote Area Doctor“ gearbeitet. Die medizinische Versorgung in abgelegenen Gebieten sei dabei sowohl herausfordernd bis an die eigenen Grenzen als auch interessant. „Oft ist man der einzige Arzt vor Ort und mehrere Flugstunden vom nächsten Krankenhaus entfernt.
Das trifft für viele ‚Aboriginal Communities‘ zu, in denen ich gearbeitet habe“, so Wapnah. Er hebt dabei auch die entscheidende Rolle der Krankenschwestern hervor: „Diese waren glücklicherweise fast ausnahmslos hervorragend.“ Medizin in „Remote-Communities“ unterscheide sich dabei oft von den üblichen medizinischen Anforderungen. „Das liegt nicht nur an kulturellen Gegebenheiten, sondern auch daran, dass viele Krankheiten bereits in jüngerem Alter weit fortgeschritten sind. Darüber hinaus findet man gelegentlich Krankheiten wie das „rheumatische Herzleiden“ oder chronische Ohrenentzündungen mit Komplikationen, die in wohlhabenderen Ländern kaum noch vorkommen. Wer dort arbeitet, muss jedenfalls breit gefächerte Kenntnisse haben“, erzählt er aus seinem reichen Erfahrungsschatz.