Revolutionär. Ein Adjektiv, das für Ingeborg Hoch¬mair bezeichnend ist. „Menschen mit schwerem Hörverlust nicht nur Geräusche, sondern auch Spra¬che zurückzugeben, das war das Ziel meines Mannes Erwin und mir. Ein solches Vorhaben galt zur damali¬gen Zeit als bahnbrechend.“ Mit ihrem Glauben an das eigene Können und einer ausgeprägten Hands-on-Mentalität hat die gebürtige Wienerin diese Heraus¬forderung auch souverän gemeistert.1979 promovierte sie als erste Frau an der Technischen Universität Wien im Fach Elektrotechnik und gilt bis heute als Pio¬nierin ihres Fachs. Gemeinsam mit ihrem Mann entwi¬ckelte sie das erste mehrkanalige mikroelektronische Cochlea-Implantat. 1977 wurde es erstmals implantiert. „Für uns und unseren klinischen Partner Kurt Burian, damals Professor für HNO an der Universität Wien, war das ein Meilenstein“, erzählt sie. Kurzge¬fasst ersetzt ein Cochlea-Implantat die Funktion defekter Haarzellen im Innenohr, indem es Schallinfor¬mationen in elektrische Impulse umwandelt und diese direkt an den Hörnerv weiterleitet. Und das war eine absolute Neuerung.
Als klar war, dass diese Erfindung an der Schnittstel¬le von Technik und Biologie auch tatsächlich zuverlässig funktionieren würde, war das für Ingeborg Hochmair ein stiller, aber tief bewegender Moment: „Die ersten Reaktionen der Patientin, die zum ersten Mal nicht nur ein Geräusch wahrnahm, sondern erste Worte und Sätze verstand – das war schlicht unglaublich. Es war nicht nur ein technischer Erfolg, sondern ein menschlicher. Ich habe gespürt: Das ist der Anfang von etwas Großem. Und das hat uns mit Stolz erfüllt.“ Mit diesem Beweis für den Erfolg der Hochmair´schen Forschung in der Tasche war das Fundament für die Gründung von MED-EL (Medical Electronics) gelegt. Mit Firmensitz in Innsbruck gibt es mittlerweile über 30 Niederlassungen weltweit, gewachsen ist man stetig, aber mit Maß und Ziel. Nach wie vor ist das Unternehmen im Familienbesitz der Hochmairs.
Technik zum Wohle der Menschen
Aber zurück zu den frühesten Anfängen: Schon als Kind war die treibende Kraft der jungen Ingeborg Neugier und Wissbegierde. 1953 als Ingeborg Desoyer in Wien geboren und in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Technik und Wissenschaft ganz selbstverständlich dazugehörten, war dieses Interesse prägend. „Die Berufe meiner Familie habe ich als etwas sehr Sinnvolles und Gestaltendes wahrgenommen. Meine Großmutter war eine der ersten Chemieingenieurinnen in Österreich, meine Mutter war Physikerin und mein Vater Professor für Mechanik und Fahrzeugdynamik. Ich wollte schon als Kind verstehen, wie Dinge funktionieren und wollte ihnen auf den Grund gehen. Zudem war mir schon während meiner Schulzeit klar, dass ich später einmal Technik zum Wohle der Menschen zum Einsatz bringen möchte. Dieser Antrieb hat mich tatsächlich nie verlassen“, erzählt sie, deren Weg dann auch konsequenterweise in die Forschung geführt hat. Neben dem Studium an der TU Wien prägte auch ein Aufenthalt an der Stanford University in den USA – am ‚Institute for Electronics in Medicine‘ – ihren Zugang zur Wissenschaft entscheidend. Die dort gelebte US-amerikanische Mentalität war dabei mindestens ebenso inspirierend: „Diese Zeit hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, über den eigenen Fachbereich hinauszudenken. Die Haltung dort war sehr mutig, frei nach der Devise ‚Wenn du eine Idee hast, probier‘ sie aus – jetzt‘. Diese Dynamik und dieses Vertrauen in die eigene Neugier und Kreativität haben mich nachhaltig geprägt und begleiten mich bis heute.“
Die Rolle der Künstlichen Intelligenz
Ein extremer Antrieb sei bei ihrer Forschung und Arbeit immer gewesen, Menschen aus der Stille zu holen. Die¬se empathische Komponente ist auch nie verschwun¬den. Mit Blick zurück auf die herausfordernden Tage der Unternehmensgründung betont Hochmair, wie wichtig Teamwork ist: „Da sind Durchhaltevermögen, Kreativität und gegenseitige Unterstützung gefragt – wir haben uns als Team immer wieder gegenseitig motiviert: Viele der Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter von damals, als das Team dann größer wurde, befinden sich bis heute mit mir auf diesem Weg.“ Es war dabei für das Ehepaar immer essenziell, Forschung und Nutzen für die Menschen bestmöglich zu verbinden: „Innovation galt uns dabei nie als Selbstzweck, es ging uns darum, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.“ Ihr Rat an all jene, die heute ein Unternehmen gründen wollen: „Bleibt eurer Vision treu, sucht Menschen, die eure Werte teilen und habt Geduld.“ Mit Blick auf die Unternehmensgeschichte von MED-EL ist dabei klar: Stehen bleiben und auf der Stelle treten ist nichts, was in Hochmairs Vision jemals vorgekommen wäre. 2013 gab es für die unermüdliche Unternehmerin und For¬scherin sogar den renommierten Lasker-Preis (konkret den Lasker-DeBakey Clinical Medical Research Award), der als eine Art inoffizieller Medizin-Nobelpreis gilt und über den sie sich „außerordentlich glücklich“ gezeigt hat. Aktuell spielt bei MED-EL, wie in so vielen Bereichen in der Medizin, die Künstliche Intelligenz (KI) eine große Rolle. Personalisierung und Hörerlebnisse, die maßge-schneidert sind, gelten dabei als großes Ziel bei der Weiterentwicklung moderner Cochlea-Implantate. Was die KI dabei leistet? Sie kann zum Beispiel Muster erkennen, die für das menschliche Ohr nicht offensicht¬lich sind und damit das Hörerlebnis deutlich verbes¬sern. „Wir arbeiten intensiv an der Anwendung von Künstlicher Intelligenz in der Hörrehabilitation. Mit TICI – dem Total Implantierbaren Cochlea-Implantat – ge¬hen wir noch einen Schritt weiter: Es soll sich an den anatomischen und audiologischen Gegebenheiten jedes einzelnen Menschen orientieren. An der Stelle muss ich allerdings die hohen Erwartungen ein biss¬chen dämpfen. TICI befindet sich derzeit noch in der Studienphase“, erklärt Hochmair in der ihr eigen en Mischung aus Realismus und visionärer Zielstrebigkeit. Eines scheint jedenfalls fix: Stillstand steht auch weiter¬hin nicht auf dem Programm der bald 73- jährigen.
Globaler Branchenpionier mit heimischen Wurzeln
MED-EL ist ein österreichisches Unternehmen, das in den Achtzigerjahren von Ingeborg und Erwin Hochmair gegründet wurde. Deren richtungsweisende Forschung führte zur Entwicklung des ersten mikroelektronischen, mehrkanaligen Cochlea-Implantats (CI) als Basis für moderne CI von heute. 1990 wurden die ersten Mitarbeiter eingestellt. Mittlerweile sind mehr als 3100 Menschen weltweit in über 30 Niederlassungen bei dem österreichischen Branchenpionier beschäftigt. Cochlea- und Mittelohr-Implantatsysteme, ein System zur elektrisch-akustischen Stimulation, Hirnstammimplantate sowie implantierbare und opera¬tionsfreie Knochenleitungsgeräte zählen zum Produktportfolio von MED-EL. Auch mit der MedUni Wien hat MED-EL eine Partnerschaft: Die robotische Cochlea-Implantation mittels HEARO, der ersten bildgestützten Roboterchirurgie-Plattform speziell für diese Operation, wurde dort zwischen 2021 und 2025 zehnmal durchgeführt. MED-EL hat dafür nicht nur Im¬plantate, sondern auch chirurgische Assistenzsysteme mitentwickelt.