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Spitäler für Krisen gerüstet

Ordnung im Ausnahmezustand

Von Terror bis Naturkatastrophe: Klare Strukturen, Notfallpläne und Übungen sichern schnelle Versorgung im Ausnahmezustand. Eine Expertin und ein Experte des WIGEV erläutern, wie eine Krisenbewältigung konkret abläuft und welche Mechanismen greifen, wenn plötzlich Hunderte Verletzte versorgt werden müssen.

Stefan Eckerieder
Man sieht einen Mann auf einer Bahre, der notärztlich versorgt wird.
Notärztliche Versorgung.
Foto: iStock

Die Terrordrohung gegen das Taylor-Swift-Konzert und der Amoklauf an einer Grazer Schule haben gezeigt, dass Krisen- und Katastrophenszenarien längst keine abstrakten Gefahren mehr sind. Bund, Länder und die Bundeshauptstadt Wien haben Strukturen geschaffen, die eine rasche und effiziente Behandlung auch im Ausnahmezustand sicherstellen sollen.

Klare Strukturen für den Ernstfall

„Grundsätzlich gibt es kein klassisches Definitionsereignis. Jede Situation ist unterschiedlich“, erklärt Benedikt Borelli. Er leitet im Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV) das Vorstandsressort Qualität, Prävention und Sicherheit das Präventions- und Sicherheitsmanagement, mit dem Schwerpunkt auf Betriebskontinuitäts-, Krisen- und Katastrophenmanagement. „Das oberste Ziel meiner Tätigkeit ist, dass der Regelbetrieb auch dann aufrechterhalten bleibt, wenn ein Krisenfall eintritt.“ Im Wiener Katastrophenhilfe- und Krisenmanagementgesetz sind die Kliniken verpflichtet, Notfallpläne zu erstellen und regelmäßig zu evaluieren. Diese Pläne ermöglichen es, die Aufnahmekapazitäten der Kliniken innerhalb kürzester Zeit zu erhöhen. „Es gibt interne Ereignisse, wenn direkt im Klinikbereich etwas passiert. Daneben externe Ereignisse: klassische Großschadenslagen wie ein Verkehrsunfall, ein Brand, ein U-Bahn-Unglück, eine Amok- oder Terrorlage, aber auch Naturereignisse wie Hochwasser und Pandemie“, erläutert Marion Pallanich, die im Vorstandsressort des WIGEV für Klinische Betriebssteuerung für Sofortmaßnahmen, Katastrophenschutz und den Journaldienst zuständig ist. 

Allerdings lassen sich Ereignisse nicht immer voneinander abgrenzen. „Beispielsweise können Szenarien wie ein Blackout, Hochwasser, oder Terrorlage Spitals-externe sowie -interne Auswirkungen haben. Ein Hochwasser kann auch am Klinikgelände zu Schäden führen oder eine Terrorlage führt dazu, dass im Spital besonderer Schutz notwendig ist“, so Borelli. Eine schnelle Lageinformation sei entscheidend, ergänzt Borelli: „Je rascher wir wissen, was passiert ist, desto schneller können wir reagieren.“ Die Berufsrettung Wien sei dabei eine wesentliche Schnittstelle für erste Lageinformationen: Wo ist das Ereignis, welche Klinik ist am nächsten, wie viele Leicht- und Schwerverletzte sind zu erwarten?

Störung, Notfall, Krise oder Katastrophe

„Im Krisenmanagement unterscheiden wir zwischen vier Stufen: Störung, Notfall, Krise und Katastrophe. Je nach Lage und Ausmaß greifen unterschiedliche Managementsysteme und Maßnahmen. Ein sogenannter Massenanfall von Verletzten (MANV) ist nicht automatisch eine Krise. Ein Notfall bedeutet, dass die Versorgung mit den bestehenden Strukturen möglich ist. Eine Krise entsteht erst dann, wenn die herkömmlichen Strukturen nicht mehr ausreichen und eine Krisenorganisation gegründet werden muss“, so Borelli. Ein großflächiger Terroranschlag könnte diese Grenze schnell überschreiten. Dann übernehmen vorab definierte Personen die Einsatzleitung, bei Bedarf wird ein Krisenstab einberufen, der übergreifende Entscheidungen trifft, von der Verteilung der Patientinnen und Patienten bis zur Einberufung von zusätzlichem Personal. Dabei orientiere man sich am sogenannten SKKM-Schema, dem staatlichen Krisen- und Katastrophenschutzmanagement. Ein zentrales Element im Katastrophenfall ist die Triage, die entscheidet, wer sofort intensivmedizinisch behandelt werden muss, damit die Spitäler sich räumlich und personell darauf einstellen können. 

Belastungsproben für das Personal

Regelmäßige Übungen sind ein zentraler Bestandteil des Systems, um im tatsächlichen Ernstfall gerüstet zu sein. „Hut ab vor unserem Personal. Der Einsatz und die Bereitschaft in Notfallsituationen ist enorm“, betont Pallanich. Katastrophenmanagement bedeute aber auch, an die Kolleginnen und Kollegen und deren psychisches Wohlergehen zu denken. Besonders bedeutend seien deshalb auch die Angebote der psychologischen Betreuung in den Klinken. Der Terroranschlag am 2. November 2020 war einer der letzten großen Ernstfälle in Wien. Drei Kliniken waren damals in die Versorgung eingebunden. „Seither ist der WIGEV glücklicherweise von größeren Krisen verschont geblieben. Aber wir sind vorbereitet“, so Pallanich.

Eine Krise entsteht erst dann, wenn die herkömmlichen Strukturen nicht mehr ausreichen und eine Krisenorganisation gegründet werden muss.“