Ärzt*in für Wien: Wie läuft die medizinische Versorgung bei einem Amoklauf wie jenem an der Schule ab? Welche Mechanismen werden dabei in Gang gesetzt?
Kammerlander: In der Steiermark gibt es ein spezielles Rettungsleitsystem: IVENA. Es zeigt in Echtzeit, wo wie viele Rettungswagen eintreffen. Bei einem Massenanfall von Verletzten – in unserem Fall war es ein MANV 100 – wird das entsprechende Modul aktiviert. Darin ist klar definiert, welche Krankenhäuser wie viele Schwer- und Leichtverletzte übernehmen können. Wir wurden sofort alarmiert und haben intern Katastrophenalarm ausgelöst. Dann greifen eingespielte Abläufe: Wir stoppen geplante Operationen, beenden natürlich noch die laufenden Eingriffe und bereiten Schockräume vor. In der Ambulanz bitten wir Patientinnen und Patienten ohne akuten Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt zu kommen. In der Rettungseinfahrt richten wir eine zentrale Leitstelle ein. Dort sehen wir, wie viele Verletzte zu uns unterwegs sind, und können digital rückmelden, wenn unsere Kapazität erreicht ist. Ein Raum für Angehörige wird eingerichtet. Gleichzeitig werden alle Mitarbeitenden informiert – auch jene, die nicht im Dienst sind. Insgesamt kamen über 30 zusätzliche Kräfte, darunter elf Ärztinnen und Ärzte. Das Engagement aller hat mich persönlich sehr berührt. Ein Kollege, der gerade frei hatte ist sogar mit seinem Kind ins Krankenhaus gekommen. Dieses selbstverständliche Engagement ging mir sehr nahe. Es war beeindruckend zu sehen, wie alle zusammengeholfen haben. Wenn es wirklich darauf ankommt, dann stehen alle bereit.
Ärzt*in für Wien: Wie funktioniert die Versorgung der Patientinnen und Patienten konkret?
Kammerlander: Neben unseren zwei regulären Schockräumen haben wir einen dritten aktiviert. Mein Stellvertreter kümmerte sich um die Angehörigen. In der Rettungshalle erfolgte die Triage durch einen speziell eingeteilten Arzt. Für jede Patientin, jeden Patienten wurde ein eigenes Team gebildet – bestehend aus Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften, das von der Aufnahme über die Diagnostik, Stabilisierung und erste Eingriffe alles übernahm. Als Leiter habe ich die Behandlungen koordiniert. Die Rollen sind klar verteilt. Das IVENA-System hilft enorm – es regelt vorab, welches Haus welche Fälle übernimmt. Wir hatten vor allem Schussverletzungen an den Extremitäten, während etwa Gefäßverletzungen an die Uniklinik gingen. So konnten alle Patientinnen und Patienten bestmöglich versorgt werden.
Ärzt*in für Wien: Wie wurden die Mitarbeitenden psychologisch betreut?
Kammerlander: Psychische Betreuung ist essenziell – besonders nach solch belastenden Ereignissen. Bereits am ersten Tag haben wir niederschwellige Angebote gestartet. Eine Woche lang waren Psychologinnen und Psychologen ganztägig im Haus unterwegs, haben aktiv auf Stationen angesprochen, Gespräche angeboten – mit Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten, mit allen, die im Einsatz waren. Es gab viel Redebedarf. Einige haben auch Einzelgespräche oder Supervisionen in Anspruch genommen. Diese Form der Aufarbeitung läuft derzeit noch weiter – professionell begleitet, unkompliziert organisiert. Es war wichtig, unmittelbar Unterstützung zu geben, aber auch mittel- und langfristig da zu sein.
Ärzt*in für Wien: Wie wurde mit den Angehörigen und Opfern kommuniziert?
Kammerlander: Für die Angehörigen wurde unser Hörsaal umfunktioniert, betreut vom Kriseninterventionsteam (KIT). Dort wurden Getränke bereitgestellt, es gab Raum für Gespräche und erste psychologische Hilfe. So konnten wir medizinisch voll bei den Verletzten sein, während die Angehörigen professionell betreut wurden. Auch für die Opfer wurde umgehend Hilfe organisiert. Über die KAGes (Krankenanstaltengesellschaft) und das Institut für Klinische Psychologie, der Uniklinik für Psychiatrie, wurde direkt Kontakt aufgenommen. Fachpersonal kam noch am selben Tag, um die Betroffenen zu begleiten, mit dem Ziel, eine akute Unterstützung und auch eine langfristige psychologische Anbindung zu gewährleisten. Alles in allem haben die Abläufe angesichts der schwierigen Umstände sehr gut funktioniert.